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Lech Wałęsa über Europa : Jetzt seid Ihr Deutschen an der Reihe

  • -Aktualisiert am

Lech Wałęsa (links) hält eine Stegreifrede zum Abschluss des Usedomer Musikfestivals am 10. Oktober 2020 im Kraftwerk des Museums Peenemünde. Rechts neben ihm die Übersetzerin Karolina Golimowska. Bild: Usedomer Musikfestival/Geert Maciejewski

Europas Einheit wird von Populisten und Demagogen bedroht. Es gibt eine Pflicht, dagegen vorzugehen. Ein spontaner Zwischenruf von Polens ehemaligem Präsidenten Lech Wałęsa

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          Im Kraftwerk des Museums Peenemünde, auf dem Gelände der ehemaligen Heeresversuchsanstalt der Nationalsozialisten, hielt der Friedensnobelpreisträger und ehemalige Staatspräsident Polens, Lech Wałęsa, zum Abschluss des Usedomer Musikfestivals vor einem Konzert des NDR Elbphilharmonie Orchesters eine kurze Stegreifrede. Wir geben sie auf Grundlage der mündlichen Übersetzung von Karolina Golimowska wieder.

          Meine sehr verehrten Damen und Herren!

          Ich höre auch lieber Musik als dass ich Politik betreibe. Als Revolutionär allerdings möchte ich Ihnen Folgendes sagen: Wenn wir uns für Politik nicht interessieren, werden die Politiker das Beste in unserem Leben zerstören. Sie können dies tun, und sie tun es oft. Also verzeihen Sie mir bitte, wenn ich etwas Politik betreibe, statt sofort Musik zu hören.

          Meiner Meinung nach, also aus der Sicht eines Revolutionärs, hat uns das Schicksal zwei Aufgaben zugeteilt: Die erste Aufgabe war, die Teilungen und die Hürden, die der Entwicklung der Welt und Europas im Wege standen, zu beseitigen. Meine Generation hat diese Aufgabe wirklich hervorragend gelöst. Dabei hat Polen, glaube ich, die wichtigste Rolle gespielt. Aber Polen kann diese Rolle nicht weiter spielen. Aus der Sicht eines Revolutionärs, also meiner Sicht, seid jetzt Ihr Deutschen an der Reihe. Deshalb möchte ich Euch überzeugen, aktiv zu werden.

          Populisten und Demagogen zerstören die Idee eines vereinten Europas. Und sie tun es nur deshalb, weil es keine Führung in Europa gibt. Seit zwanzig Jahren versuche ich, Deutschland zu überzeugen, diese Führungsrolle zu übernehmen. Es braucht dazu gar nicht so viel.

          Deutschland sollte gemeinsam mit Italien und Frankreich eine Lösung vorschlagen. Es gibt dafür zwei Konzepte. Erstes Konzept: Renovierung der Strukturen im heutigen Europa, denn die Situation hat sich verändert, und die Strukturen müssen angepasst werden. Sollte das nicht gelingen, muss eine andere Lösung her. Die Staaten, die dies wollen, möge man die Strukturen zerstören lassen. Fünf Minuten danach schlagt Ihr im Namen der Europäischen Union Folgendes vor: Alle dürfen wieder in die Europäische Union hinein, auch die, die sie zerstört haben. Wenn sie hineinwollen, müssen sie allerdings auf zwei Tafeln an der Eingangstür aufmerksam gemacht werden: „Wir heißen Euch herzlich willkommen in der neuen Europäischen Union, hier sind Eure zehn Rechte.“ – „Wir heißen Euch herzlich willkommen in der neuen Europäischen Union, hier sind Eure zehn Pflichten.“ Die Rechte und Pflichten sollten so formuliert sein, dass solche blödsinnigen Situationen wie gegenwärtig gar nicht erst entstehen können.

          Ich bin siebenundsiebzig. Ich sollte mich eigentlich zur Ruhe setzen. Aber die Situation ist nicht gut. Unsere ganze Kraft kann uns durch Demagogen und Populisten genommen werden. Also bitte ich Euch nochmals: Ihr seid jetzt in der Pflicht, Europa aus dieser Situation herauszuführen. Es wäre mir lieber, Polen könnte es tun, aber Polen ist dazu nicht in der Lage. Wenn Ihr nicht fähig dazu seid, dann überlasst Eure großartigen Möglichkeiten Polen. Polen wird schon wissen, was damit zu tun ist.

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