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Polen nach dem Lockdown : Treffen wir uns auf einen Dienstspaziergang?

Naherholung: Das Leben ist endlich zurückgekehrt, doch in den Warschauer Bars fühlt es sich nur scheinbar so an, als wäre es niemals weg gewesen. Bild: dpa

Polens Kultur erwacht langsam nach dem kaum enden wollenden Lockdown, doch die Pandemie hat schwere Verluste und Verwundungen hinterlassen. Was hat das Coronavirus mit unserem Nachbarland gemacht?

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          Viele Orte in der Stadt sind noch wiederzuerkennen. Aber beileibe nicht alle. Wann haben sie sich verwandelt? Man hätte öfter spazieren gehen sollen, zum Beispiel nachts. Flanieren war während der Pandemie zwar nicht angesagt; aber ein Verbot im Sinne einer Sperrstunde – in der Landessprache „Polizeistunde“ – gab es in Polen nicht. Sie hätte wohl zu sehr an den Kriegszustand erinnert, der vor 40 Jahren verhängt wurde, um damals die Demokratiebewegung niederzuschlagen. Das wollte die rechte Regierung dem „europäischen Land der Freiheit“ (Joachim Gauck) wohl nicht zumuten. Diesmal gab es nur Masken, Distanz und Homeoffice – und im Übermaß Unterricht per Video. Der Journalist Piotr Zaremba hat ausgerechnet, Polen habe beim Fernunterricht in Europa einen traurigen Spitzenplatz eingenommen: 21 Wochen habe der totale Schul-Lockdown gedauert. Wenn man den Lockdown für bestimmte Jahrgänge mitrechnet, sogar 35. Zwei- bis dreimal länger als in vielen anderen Ländern. Die Auswirkungen auf die schulischen Leistungen und andere Lebensbereiche sind gar nicht abzusehen.

          Gerhard Gnauck
          Politischer Korrespondent für Polen, die Ukraine, Estland, Lettland und Litauen mit Sitz in Warschau.

          Manches in Warschau ist anders geworden, aber das meiste ist noch an seinem Platz, zumindest im räumlichen Sinne. Der junge Mann in seinem Kiosk an der Grochowska-Straße, der neben Snacks und Presseartikeln auch den unschätzbaren Dienst anbietet, jeden noch so verkorksten Reißverschluss wie mit Zauberhand schnell wieder in Gang zu setzen, und das für umgerechnet kaum zwei Euro, ist auch noch in seiner Bude. Seine unaufdringliche Freundlichkeit hat er sich bewahrt. Er hatte uns vor zwei Jahren die Hose gerettet. Hat er die Pandemie über durchgearbeitet? „Ich war immer hier“, sagt er und schmunzelt. „Sonst wäre ich nicht mehr da.“

          Infrastruktur litt nicht unter der Pandemie

          Sein garagengroßer Kiosk simpelster Bauweise verkörpert das Polen der Nachwendezeit. Das Polen der Zukunft aber will hoch hinaus. Immer neue Türme wachsen in der Innenstadt in den Himmel; keine Pandemie hielt die Bauarbeiten auf. Seit Februar rühmt sich Warschau, neben seinem Zentralbahnhof das höchste Gebäude in der EU zu beherbergen (Fernsehtürme und Sendemasten nicht mitgerechnet). Es ist der noch im Rohbau befindliche Varso Tower; Varsovia ist der lateinische Name der Stadt. Der Turm ist ein vom britischen Architekturbüro Foster and Partners entworfenes Bürogebäude, das mit seiner Turmnadel 310 Meter misst. Wir können also für die Pandemiezeit festhalten: Der Bauboom hat Warschau, diese ewig im Auf- und Umbau befindliche Stadt, äußerlich mehr verändert als das Virus.

          Polens Wirtschaft brummt weiter. Die Arbeitslosigkeit war im März mit 3,1 Prozent die niedrigste in der Gemeinschaft, sagt die Brüsseler Tabelle. Aber schon die polnische Statistik zählt nach anderen Kriterien: 6,4 Prozent. Rechnet Brüssel die Lage schön? Und was ist mit den Menschen, die wegen der Pandemie aufs Land geflohen sind? Wie viele prekäre Minijobs sind ausgelaufen? Wo sind die verschwundenen Cafés, was machen die notleidenden Buchhandlungen? Den einen oder anderen Betrieb der Gastronomie vermisst man am gewohnten Ort.

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