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Polen-Debatte bei Anne Will : Ein Gespräch über die abwesende Frau St.

Symbol der Angst vor den Deutschen: Erika Steinbach Bild: Daniel Pilar

In den Rat der Stiftung „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ einzuziehen, dürfte für Erika Steinbach schwierig werden. Dafür ist es ihr gelungen, im Alleingang eine Anne-Will-Sendung zu initiieren. Zu erleben war eine harte Debatte - bei der die Hauptfigur jedoch fehlte.

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          Zwanzig Monate ist es her, da saß der deutsche, in Polen überaus populäre Kabarettist Steffen Möller bei Maybrit Illner, um über das „schwierig' Nachbarland“ Polen zu sprechen. Mit in der Runde saßen Hans-Dietrich Genscher, Wolfgang Schäuble, Gesine Schwan und Klaus Bednarz und sinnierten über die dramatische Verschlechterung des deutsch-polnischen Klimas seit der Regierungsübernahme der nationalpatriotischen Partei PiS. Bis unlängst schienen diese schwierigen Tage eine Ewigkeit her: Die nüchtern-pragmatische Politik des neuen Regierungschefs Tusk von der liberalkonservativen PO hatte die emotional-populistischen Töne seines Vorgängers Kaczynski vergessen und die deutsch-polnischen Beziehungen in Windeseile wieder aufblühen lassen.

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Dass gestern Abend nun Steffen Möller bei Anne Will saß, musste man als schlechtes Omen werten: Wieder ist die Verstimmung zwischen den Nachbarn so groß, dass sie in die gewichtigsten Talkshows drängt. „Flucht und Vertreibung: Eskaliert jetzt der deutsch-polnische Zoff?“, fragte der Titel und warf seinerseits die Frage auf, ob Zoff nicht Eskalation genug ist. Zwar war die Runde bis auf Möller neu besetzt, die Rollenverteilung ähnelte jedoch der damals bei Illner: Den Part Gesine Schwans (links, polenfreundlich) übernahm die Grüne Renate Künast, die konservative Fahne hielt statt Schäubles Wolfgang Bosbach hoch, der stellvertretende Unions-Fraktionschef im Bundestag, als altgedienter Rundfunkjournalist war Wolf von Lojewski mit dabei, der anders als Bednarz sogar einen Vertreibungshintergrund vorzuweisen hatte. Der Historiker Arnulf Baring hätte demnach bei Anne Will den Genscher geben müssen, stünde sein kämpferisches Naturell nicht jeglicher Elder-Statesman-Attitüde im Wege.

          Feindbild Nummer eins

          Die Frau allerdings, um die sich alles drehte, fehlte. Erika Steinbach, die Vorsitzende des Bundes der Vertriebenen (BdV), war eingeladen worden, und man hatte ihr, wie Anne Will bekannte, „alles Mögliche angeboten“ (worum es sich dabei im Detail handelte, hätten wir gern gewusst). Doch Steinbach mochte nicht kommen. Dabei ist es einzig ihre Nominierung durch den BdV für den Rat der Stiftung „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“, die das frische Schorf über den alten Wunden wieder aufgerissen hat. Die in Berlin geplante Dokumentationsstätte gegen Vertreibung ist von Steinbach maßgeblich auf den Weg gebracht worden, doch die streitbare Chefin eines über Jahrzehnte wenigstens in Teilen revisionistischen Verbands ist in Polen das Feindbild Nummer eins (Erika Steinbach: Polnisches Feindbild). Der diplomatische Preis, den ihre Berufung in den Rat erfordern würde, scheint dermaßen hoch, dass im politischen Berlin nur noch wenige an ihre Chancen glauben (Kommentar: Polnische Alternative - Steinbach oder wir). Als kleine Entschädigung könnte man es ansehen, dass Erika Steinbach so einmal zu der Ehre kam, im Alleingang eine Anne-Will-Sendung zu initiieren.

          Zum Stichwort Entschädigung passte der Auftritt Rudi Pawelkas, der im BdV der schlesischen Landsmannschaft vorsteht und an der Spitze der Firma „Preußische Treuhand“ vergeblich Entschädigungen von Polen einzuklagen versuchte - ein Ziel, an dem er „ganz selbstverständlich“ bis heute festhält. Pawelka, so stellte auch der BdV-freundliche Baring fest, ist freilich nur eine „Randfigur“, und als solche wurde er bei Anne Will auch hingestellt: ans Pult, fernab von der Sofarunde. Auch Erika Steinbach hat sich wiederholt von der „Preußischen Treuhand“ distanziert, was in Polen nicht viele interessiert. Schließlich symbolisiert sie, wie der seit fünfzehn Jahren in Warschau lebende Möller konstatierte, „alles, was man an offenen und auch an geheimen Ängsten gegenüber den Deutschen hat“ - eine „Projektionsfläche“, meinte Baring, auch weil sie blond und eine Frau sei.

          Ein innerdeutsches Problem

          Möllers Verwunderung darüber, dass kein Pole geladen war, beantwortete die Gastgeberin damit, dass die Stiftung eine deutsche Einrichtung und ihre Besetzung somit ein innerdeutsches Problem sei. Tatsächlich konnte gestern Abend jeder polnische Zuschauer erleben, dass sich die Deutschen untereinander schon uneins genug sind. Als „Brunnenvergifter“ schalt Baring Renate Künast, die Erika Steinbach ihren Wandel zur Versöhnerin nicht abnehmen mochte. Für „unerträglich“ wiederum hielt Künast die „Gesundbeterei“ des BdV, die sie Baring und Bosbach unterstellte. Beide Seiten indes offenbarten einen schmerzlichen Mangel an Empathie.

          Künast beharrte in altlinker Büßerpose darauf, dass allein die Deutschen „die Verantwortung tragen“, und gestand den Vertriebenen zwar zu, dass ihnen Unrecht geschehen sei, welches sie aber offensichtlich für unerheblich hielt. Bosbach und Baring wiederum waren sich einig, es in der Debatte mit unbegründeter polnischer Hysterie zu tun zu haben, ohne sich über deren Ursachen den Kopf zu zerbrechen. Durch sein oberlehrerhaftes Auftreten („Mein Name ist Bosbach! Sie sind noch gar nicht gefragt worden“) dürfte Bosbach auch kaum polnisches Vertrauen in die Partei der deutschen Kanzlerin geweckt haben. Mit seinem an Künast gerichteten „Frau Steinbach“ immerhin leistete er sich einen Versprecher, der fast so delikat war wie das „Frau Merkel“, mit dem sich Edmund Stoiber einst an Sabine Christiansen wandte.

          Von der unaufgeregt aufmerksamen Anne Will danach befragt, ob Frau Steinbach denn nun in den Stiftungsrat einziehen werde, erklärte Bosbach, er könnte, wäre er zur Beantwortung in der Lage, ebensogut im Zirkus auftreten. Entscheidend sei nicht, wer im Rat sitze, sondern dass das Kuratorium rasch seine Arbeit aufnehmen könne. Es sieht also nicht gut aus für Erika Steinbach. Vielen Vertriebenen, sagte der versöhnliche Vertriebene Wolf von Lojewski, hätte es seinerzeit schon gereicht, wenn man ihnen nur Trost entgegengebracht hätte. Wer weiß, ob demnächst jemand tröstende Worte für Erika Steinbach findet.

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