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Vorurteile in Italien : Fünf Stunden bei der Mafia

Gilt als sozialer Brennpunkt: das Neapolitaner Viertel Scampia Bild: Reuters

Neapel ist nachhaltig als kriminelle Hochburg abgestempelt. Neue „Mafia-Touren“ durch die Innenstadt helfen da nicht beim Imagewechsel. Die Innenpolitik tut jedoch alles, um die Region in ein besseres Licht zu stellen.

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          Wer den Stadtteil kennenlernen möchte, in dem Lila und Lenù, die ungleichen Freundinnen der neapolitanischen Saga von Elena Ferrante, aufgewachsen sind, kann eine Tour buchen: Eine Soziologin führt durch das arme Viertel östlich des Hauptbahnhofs, das die Literatur zur Sehenswürdigkeit gemacht hat. Fünf Stunden durchs Rione Luzzatti kosten 300 Euro.

          Das Geschäftsmodell mag einen jungen Neapolitaner, der weit herumgekommen ist in der Welt und sich in Amerika und Australien als Pizzabäcker durchgeschlagen hat, angeregt haben, eine „Mafia Tour“ auszuhecken, die Tatorte des organisierten Verbrechens abklappert: Treffpunkt um 16 Uhr auf der Piazza Garibaldi, zu Füßen des Helden der Einheit. Dafür stellte sich der falsche Cicerone das Echtheitszertifikat „im System aufgewachsen“ aus, das sich als Fake erwies: Mit 25 Euro sind Sie dabei! Kaum stand die Gruselroute, auf Italienisch und Englisch, online, ging ein Aufschrei durch die Stadt, die unter nichts mehr leidet als unter einem Image, das sie, ungeachtet ihrer atemberaubenden Schönheit und ihres Kunstreichtums, auf ein Eldorado der Kriminalität reduziert.

          „Die organisierten Verbrechen dürfen keine Touristenattraktionen werden“, warnte Bürgermeister Luigi de Magistris, und der Regisseur Antonio Manetti sah die satirische Szene in seinem Camorrafilmmusical „Ammore e Malavita“ bestätigt, in der sich eine amerikanische Reisegruppe im Kleinbus nach Scampia vorwagt und den Handtaschenklau als ultimativen Kick feiert.

          Als Heimat der Mafia verschrien

          Die Koinzidenz ist kaum zufällig und doch bemerkenswert, denn auch in der italienischen Politik geht es um die Umwertung öffentlicher Orte. Gerade hat die junge Protestbewegung „Sardine“, die im Wahlkampf in der Emilia-Romagna der Lega von Matteo Salvini allein durch ihre massive Anwesenheit die Piazza streitig machte, nicht nur Neapel, sondern das heruntergekommene, durch Savianos „Gomorrha“ bekannt gewordene Hochhausgetto ausgewählt, um hier Mitte März ihre erste nationale Versammlung abzuhalten: „Scampia ist einer der jüngsten Stadtteile, einer der vielen Orte, die eine Dämonisierung durch die Medien erfahren haben, die die Realität nicht widerspiegelt“, sagte „Sardine“-Gründer Mattia Santori, und der offene Brief „von sechstausend Sardinen“ an den „ehrenwerten Ministerpräsidenten“ Conte macht schon in der Überschrift klar, dass die im Norden gegründete Bewegung das ganze Land im Blick hat: „Süden, Sicherheit und Würde“ sind die Themen, die auf ihrer Agenda ganz oben stehen.

          Zwar heißt es in Scampia auch, das sei wohl nur ein weiterer Versuch, das Viertel zu vereinnahmen, doch überwiegt die Erwartung, dass es gelingt, den Stadtteil nicht länger mit „Gomorrha“ gleichzusetzen. Der Philosoph Roberto Esposito nimmt die neue Besetzung von öffentlichen Orten als politischen Klimawandel wahr, in dem der verkümmerte Gemeinsinn erstarkt und zur Ressource einer offenen Zivilgesellschaft wird. Scampia sagen und nicht (gleich) an die Mafia denken, das ist schon mal ein Anfang.

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          Andreas Rossmann

          Freier Autor im Feuilleton.

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