https://www.faz.net/-gqz-8o4ah

Plattform „Salonkolumnisten“ : Ein Wertekatalog für windige Zeiten

Das müsste unter Demokraten möglich sein

Beispiele? Hier tritt im öffentlich-rechtlichen Fernsehstudio eine vollverschleierte Islamistin auf. Dort zieht sich ein Journalist zu Demonstrationszwecken vor laufender Kamera eine Mütze über das Gesicht. Große Show. Was soll ein Konservativer dazu sagen? Für sich selbst mag er durchaus noch Maßstäbe von richtig und falsch erkennen, doch der Erregungspegel der Gesellschaft steht schon so hoch, dass tastende Gedanken und erste Eindrücke kaum erlaubt sind. Wer den Fehler macht und Unausgegorenes veröffentlicht, gerät sofort unter Verdacht und befeuert seinerseits die Debatte. Manche fühlen sich im digitalen Geschnatter, Shitstorm inklusive, ja pudelwohl, aber das dürfte die Minderheit sein. Digitales Veröffentlichen und soziale Medien gehören heute eben dazu. Leider haben sie die gesellschaftspolitische Debatte nicht tiefer gemacht, sondern vergröbert und unrettbar vulgarisiert. Die Leidtragenden sind die nachdenklichen Zeitgenossen der bürgerlichen Mitte, von denen man einmal annehmen durfte, sie bildeten die Mehrheit. Wie lange noch?

In Berlin gab es gerade so etwas wie ein publizistisches Gegensignal. Im Netz hat sich die Plattform „Salonkolumnisten“ gegründet. Was sie leistet, muss sich noch zeigen, aber ihr Manifest ist interessant. Es ist eine weltanschaulich weit gefasste Reaktion auf den Ansturm der Vereinfacher und Populisten. Es müsste doch möglich sein, so die Annahme, sich unter Demokraten auf ein politisches Minimum zu verständigen und über das Trennende im sachlichen Gespräch zu bleiben. „Unter uns befinden sich SPD- und CDU-, Wechsel- und Garnichtwähler, Grüne, Anhänger der Demokraten und der amerikanischen Republikaner, Monarchisten“, schreiben die Initiatoren, ferner „Anarchisten, Konservative und Liberale, liberalkonservative Sozialdemokraten und sozialliberale Anarchokonservative - und sogar ein paar Mitglieder der FDP.“

Von der Mitte aus die Stimme erheben

Beim Premierenabend in der Konrad-Adenauer-Stiftung vor weitgehend unvergreistem Publikum ging es zumindest lebhaft zu. Der Saal war voll, die Aufmerksamkeit hoch. Thema der Podiumsdiskussion: „Die Radikalisierung des politischen Diskurses“. Energisch wurden ein paar rote Linien gezogen: Vorsicht vor der Desinformation, von „Russia Today“ bis zu Wikileaks. Das Versagen Europas angesichts der Zerstörung Syriens kam ebenso zur Sprache wie die mangelnde Professionalität der Medien in Zeiten des Meinungskampfs. Vielleicht ist das, was die „Salonkolumnisten“ wollen, ja ein neuer bürgerlicher Wertekatalog für windige Zeiten: Gegen „Verharmloser des Islamismus“, wie es im Manifest heißt. Gegen „Antisemiten, die sich als Israel-Kritiker kostümieren“, und „Rassisten, die sich als Islamkritiker kostümieren“.

Hier gegen die Linkspartei, dort gegen die AfD und Pegida. Gegen „Fans von Wladimir Putin“ sowie „Leute, die Donald Trump verharmlosen“. Zu viel auf einmal? Jedenfalls ein ernsthafter Versuch, von der Mitte aus die Stimme zu erheben und den Streit zu führen, der ansteht.

Weitere Themen

Rückkehr auf den Wüstenplaneten Video-Seite öffnen

Filmkritik „Dune“ : Rückkehr auf den Wüstenplaneten

Nach mehreren Verschiebungen kommt nun endlich Denis Villeneuves Neuverfilmung des Science-fiction-Klassikers „Dune“ in die Kinos. Dietmar Dath verrät, warum sich das lange Warten auf die Rückkehr auf den Wüstenplaneten gelohnt hat.

Topmeldungen

Reiner Haseloff

Sachsen-Anhalt : Haseloff bekommt im zweiten Wahlgang eine Mehrheit

Erst im zweiten Wahlgang schafft Reiner Haseloff die Wiederwahl zum Ministerpräsidenten in Sachsen-Anhalt - doch auch diesmal bekommt er nicht alle Stimmen der neuen Koalition. Nun wird eifrig spekuliert, wer die Abweichler sind.
ICE verlässt den Bahnhof Altona

Tarifstreit gelöst : Bahn und GDL einigen sich

Nach drei Streikwellen haben sich beide Parteien im Tarifstreit geeinigt. Geholfen haben dabei zwei Ministerpräsidenten. So sieht die Einigung konkret aus.
Vor Gericht verlieren Universitäten selten, das Verfahren wird geprüft.

Plagiate : Die unrühmliche Verschleppung

Plagiatsmeldungen verlaufen oft im Sande, wenn es sich nicht gerade um Personen öffentlichen Interesses wie Politiker handelt – oder werden mit Rügen beschieden. Ein Gastbeitrag.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.