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Plagiatsforscher Stefan Weber : „Der Wandel der Wissenskultur ist fundamental“

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Von Google zu Wikipedia: der typische Rechercheweg im Netz Bild: Archiv

Verschwindet das Bewusstsein für geistiges Eigentum im Netz? Der Plagiatsforscher Stefan Weber über Qualitätssicherung und den Wandel der Wissenskultur in Zeiten beschleunigten Datenflusses.

          Verschwindet das Bewusstsein für geistiges Eigentum im Netz? Der Plagiatsforscher Stefan Weber über Qualitätssicherung und den Wandel der Wissenskultur in Zeiten beschleunigten Datenflusses.

          Herr Weber, Plagiatsforscher ist ein ungewöhnlicher Beruf. Wie kamen Sie dazu?

          Es war keine bewusste Entscheidung, ich bin Schritt für Schritt in dieses Feld hineingeraten. Meine grundsätzliche Beschäftigung mit dem Thema begann mit der Dissertation eines Tübinger Theologen, in der knapp neunzig Seiten aus meiner eigenen Dissertation mit geringfügigen Änderungen übernommen worden waren. Als dem Verfasser der Doktorgrad aberkannt wurde, legte er juristisch Beschwerde ein. Von diesem Moment an habe ich gedacht: Da stimmt etwas grundlegend nicht. Bei meinen Recherchen sind mir dann sofort weitere Fälle aufgefallen. Mittlerweile habe ich 14 Ordner mit knapp 60 Plagiatsfällen gesammelt.

          „Jeder Internetaktivist will ein Original sein, auch wenn er plagiiert” - Medienwissenschaftler Stefan Weber

          Das „Copy und Paste“-Prinzip erleichtert die Übernahme fremder Gedanken. Wissenschaftler und Lehrer beklagen, dass es mittlerweile zur gängigen Praxis geworden ist, aus dem Netz zu kopieren. Hat das Plagiieren zugenommen?

          Ich kann nur meine eigenen Studien als Beleg anführen und das bejahen. Genau wissen wir es nicht. Es gibt so gut wie keine weitere Forschung dazu.

          Hat die Wissenschaft kein Interesse an der Qualitätssicherung?

          Qualitätssicherung gibt es an den Universitäten fast nur als Rhetorik. Institutionell ist etwa Plagiatsprävention noch nicht verankert. Es gibt keine festen Stellen für die Aufdeckung wissenschaftlichen Fehlverhaltens. Es ist unglaublich, wie viele Leute das Problem des Plagiierens nicht sehen oder nicht sehen wollen. Das betrifft auch Schulen und Medien. Der Wandel der Wissenskultur ist fundamental.

          Fördert das Netz die Ausbreitung des Plagiierens?

          Ich halte das Netz für hauptverantwortlich. Durch das sofort verfügbare Überangebot im Netz kann man problemlos ein Internetsampling zu fast jedem beliebigen Thema erstellen. Bewusst wurde mir dies bei dem Plagiatsvorwurf gegen eine Klagenfurter Universitätsassistentin, deren Diplomarbeit absatzweise aus dem Internet kompiliert war. Da habe ich gesehen, dass wir es hier mit einem grundlegenden Wandel zu tun haben, der die Idee des genuinen Schreibens an sich in Frage stellt mit dem Argument: „Ich habe das Stichwort gegoogelt. Es gibt so und so viele Texte im Internet. Warum sollte ich das noch umschreiben?“ Dieses Argument ist salonfähig geworden.

          Wie kommt es, dass sich das Bewusstsein von geistigem Eigentum im Internet so drastisch verändert hat?

          Hier hat auch die Theorie versagt. Die Postmoderne ist ein Wegbereiter des Plagiarismus, weil sie den Begriff des Originals leichtfertig dekonstruiert hat, ohne andere Unterscheidungskriterien anzubieten. Dadurch entsteht ein intellektuelles Milieu, in dem es nicht mehr notwendig erscheinen muss, einen Text selbst zu schreiben. Der Autor und das Original werden von postmodernen Theoretikern oft als Konstruktionen bezeichnet. Wer sagt, es gebe einen Autor und das Original eines Textes, wird vielfach eines naiven Realismus bezichtigt. Weil man im Internet die Spur zum Autor kaum zurückverfolgen könne, so sagen Postmodernisten, werde die Unterscheidung zwischen Original und Plagiat hinfällig.

          Können Sie ein Beispiel nennen?

          Ein Professor aus den Cultural Studies hat einmal gesagt, eine nachweislich aus dem Netz kopierte Diplomarbeit sei kein Plagiat, sondern die Anwendung einer in seinem Fach nicht unüblichen „Bricolage-Technik“. Teils wird das Plagiieren auch als eine Form „kreativer Medienaneignung“ legitimiert. Es gibt hier oft eine beispiellose Rhetorik der Affirmation.

          Einerseits wird im Netz das selbstbestimmte, von Regeln befreite Individuum gefeiert, andererseits wird ihm die Autorschaft aberkannt. Ein Widerspruch?

          Ja. Jeder Internetaktivist will ein Original sein, auch wenn er plagiiert.

          Ideenklau gibt es auch in anderen Bereichen, wo es teilweise als Kunstgriff akzeptiert wird: Das Sampling in der Musik, das Zitat in der Kunst.

          Nur weil eine Praxis in der Kunst akzeptiert ist, kann man nicht schließen, dass dieselben Werte in der Wissenschaft oder im Journalismus gelten müssen. Eine Diplomarbeit ist kein Roman.

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