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Plagiate bei Soziologin : Disziplinarverfahren gegen Cornelia Koppetsch

  • -Aktualisiert am

Cornelia Koppetsch im Oktober 2019 auf der Frankfurter Buchmesse Bild: Picture-Alliance

Sie habe „rücksichtslos“ gehandelt, die gute wissenschaftliche Praxis sei gravierend missachtet worden: Eine interne Untersuchungskommission der TU Darmstadt findet deutliche Worte zu den Plagiaten ihrer Soziologin Cornelia Koppetsch.

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          Bürokratische Mühlen mahlen langsam, aber sie mahlen, bis sie zu einem Ergebnis kommen. Im vergangenen Herbst wurden Plagiatsvorwürfe gegen die Darmstädter Soziologin Cornelia Koppetsch bekannt. Sie hätte in ihren Werken collagiert, eigene Thesen mit den Aussagen fremder Autoren vermischt, ohne den Anteil Dritter kenntlich zu machen. Zwei Verlage zogen daraufhin Bücher von Koppetsch aus dem Handel zurück. Die Universität begann ein eigenes Prüfverfahren.

          Jetzt wurde das Ergebnis der Öffentlichkeit präsentiert, es ist für Koppetschs wissenschaftliches Ansehen verheerend. Ihre eigene Hochschule bescheinigt der Wissenschaftlerin einen gravierenden Verstoß gegen die Regeln guter wissenschaftlicher Praxis.

          Die Kernaussage des Gutachtens lautet: „Die geprüften Schriften enthalten nicht einzelne, punktuelle Fehler. Sie weisen vielmehr eine Vielzahl von Unregelmäßigkeiten auf, die sich breit gestreut über alle überprüften Texte verteilen. Zahlreiche der problematischen Stellen sind als Plagiate, etliche als markante Textübernahmen zu bewerten. Hinzu kommen Verschleierungsbefunde und Stellen, die dem Muster des ‚Bauernopfer‘-Belegs entsprechen. Wiederholt werden bei Stellenübernahmen Literaturhinweise, die in der genutzten Quelle enthalten sind, weggelassen oder plagiierte Referate nicht gekennzeichnet, was die ‚eigentlich‘ zu nennende Quelle unsichtbar macht. In drei Fällen werden plagiierte – historisch-deskriptive – Aussagen umdatiert und dadurch sachlich verfälscht.“

          Es sei in hohem Maße unwahrscheinlich, dass die Verstöße gegen die Regeln der Zitatkennzeichnungen und des Umgangs mit Literatur gänzlich unabsichtlich, im Sinne von „versehentlich“ geschehen sind. Jahrelang habe sich Koppetsch „rücksichtslos“ verhalten. Dabei gehe es nicht nur um Plagiate. Auch das Verhältnis zur Empirie bleibe bei Koppetsch unklar. In ihrem Buch „Die Wiederkehr der Konformität“ aus dem Jahr 2013, in dem eigene empirische Daten herangezogen werden, fehlten Angaben zur Fallauswahl, zum Befragungsinstrument und zur Auswertungsmethode. „Dieses Fehlen verhindert, die methodische Herangehensweise und Verlässlichkeit beurteilen zu können“, schreibt die Kommission. In dem Buch „Die Gesellschaft des Zorns“ setze sich diese Arbeitsweise fort. Das Buch enthalte keine Verweise auf eigene oder von anderen erstellte empirische Forschungen, deren Ergebnisse in die Interpretationen eingegangen sind. Nachdem Sandra Kegel, Redaktionsleiterin im Feuilleton der F.A.Z., als vorschlagende Jurorin beim Bayerischen Buchpreis von Plagiatsvorwürfen bezüglich der „Gesellschaft des Zorns“ erfahren hatte, nahm sie das Buch in einer öffentlichen Jurysitzung am 7. November 2019 aus der Endauswahl für die Auszeichnung. Cornelia Koppetsch hatte sich zuvor geweigert, ihrerseits das Buch wegen der Vorwürfe zurückzuziehen.

          Aufgrund des Berichts liegen hinreichende Anhaltspunkte vor, die den Verdacht eines Dienstvergehens rechtfertigen. Die Präsidentin der TU Darmstadt, Tanja Brühl, erklärte, dass sie sich als Dienstvorgesetzte veranlasst sehe, diesem Verdacht „im Interesse der Öffentlichkeit, der Mitglieder der Universität und nicht zuletzt der betroffenen Wissenschaftlerin nachzugehen“ und ein Disziplinarverfahren gemäß dem Hessischen Disziplinargesetz einzuleiten. Die Folgen könnten ein Verweis, eine Geldbuße, eine Kürzung der Dienstbezüge oder eine Kürzung des Ruhegehalts sein. Möglich wäre sogar eine Disziplinarklage gegen Koppetsch, die mit der Entfernung aus dem Beamtenverhältnis enden könnte.

          Der Berliner Rechtsprofessor und Plagiatsexperte Gerhard Dannemann zeigte sich in einer ersten Stellungnahme gegenüber der F.A.Z. nicht überrascht. „Bemerkenswert sind aber die sehr deutlichen Worte der Kommission. Ähnlich klare Worte gab es zuletzt in den Entscheidungen der Universitäten Bayreuth im Fall Guttenberg und der Universität Düsseldorf im Fall Schavan.“ Die TU Darmstadt mache wieder deutlich, dass Plagiate und andere Verstöße gegen gute wissenschaftliche Praxis keine Kavaliersdelikte seien. Sie schadeten der Wissenschaft und könnten ernsthafte Konsequenzen haben, erklärte Dannemann.

          Cornelia Koppetsch selbst war für eine Anfrage dieser Zeitung nicht erreichbar.

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