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Plädoyer für eine Algorithmen-Ethik : Relevanz ist alles

  • -Aktualisiert am

Kontrolle durch Transparenz

Denn die Aufgabe ist wahrhaft schwer in den Griff zu bekommen. Während man die wichtigsten Tageszeitungen einer Woche noch bequem nebeneinanderlegen und analysieren kann, wird es sehr schwer zu ermitteln, wie ausgewogen die zehn wichtigsten Nachrichtenportale im Internet berichtet haben. Durch passive Beobachtung ließe sich das nur bewerkstelligen, wenn die zig Millionen Varianten dieser Websites, die von den Algorithmen für die Nutzer zusammengestellt wurden, alle aufgezeichnet würden - ein monströses Unterfangen, das übrigens gleich auch wieder zahlreiche Datenschutz-Fragen nach sich ziehen würde.

Dennoch ist Transparenz vermutlich eines der wichtigsten Prinzipien zur Lichtung des Dschungels. Algorithmen müssen transparent gemacht werden, sowohl in ihrem Einsatz als auch in ihrer Wirkweise. Das wäre auf den ersten Blick am einfachsten durch eine Publikationspflicht des Algorithmus im Quellcode zu bewerkstelligen. Und den Einsatz könnten Websites mit einem kleinen Hinweis auf der Website dokumentieren. Was direkt zum zweiten Prinzip führt, mit dem im Internet einiges bewirkt werden kann, vor allem, wenn ausreichend für Transparenz gesorgt wurde: Kontrolle.

Das Recht auf Pseudonymität

Algorithmen müssen abschaltbar sein. Oder es sollte dem Leser immer möglich sein, den nicht personalisierten Zugang zu einer Website zu aktivieren. Ein Algorithmus ist aber bekanntlich nur so viel wert wie die Daten, mit denen er gefüttert wird. Also müssen auch diese transparent gemacht werden, und zwar in leicht verständlicher, lesbarer Form, was bei Algorithmen im Quellcode einigermaßen schwierig werden dürfte.

Und noch ein weiteres Prinzip muss dringend auf die Agenda der Politik und der beteiligten Unternehmen, weil es für die Meinungsfreiheit im Internet so fundamental sein könnte wie die Pressefusionskontrolle in der alten Welt: Wir brauchen ein Recht auf Pseudonymität im Internet! Wir müssen uns vermutlich damit abfinden, dass das Internet von Daten lebt und die Anzahl der erhobenen Daten exponentiell zunimmt.

Aber wir sollten uns nicht damit abfinden, dass diese Daten immer einer Person zugeordnet werden können, wenn es das Geschäftsmodell oder die rechtliche Lage nicht zwingend erfordert. Denn es gibt kaum einen wirksameren Mechanismus, um Datenskandale zu verhindern und Ausspäh-Infrastrukturen im Ansatz zu verunmöglichen, als das Recht auf Pseudonymität. Unternehmen sollten gezwungen werden, Daten mit Personenbezug nur dann zu erheben, wenn es unbedingt erforderlich ist und Möglichkeiten der Anonymisierung nachweislich nicht existieren.

All dies wäre aber kein Grund, sich zurückzulehnen und zu glauben, dass die alte Sicherheit zurückerobert ist. Schon die Umsetzung dieser einfachen Prinzipien dürfte in einer hochvernetzten, von globalen Playern geprägten Welt sehr schwierig sein, von Patenten einmal ganz zu schweigen. Und ein bisschen Transparenz hilft bekanntlich niemandem.

Wir brauchen eine breite gesellschaftliche Diskussion darüber, wie wir in einer Welt leben wollen, in der die erste Stimme, mit der wir am Morgen reden, die elektronische Assistentin im Badezimmerspiegel ist. Und wir sollten uns darüber im Klaren sein, dass es keine Technikdiskussion ist, die es da zu führen gilt. Es geht um mehr.

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