https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/plaedoyer-fuer-eine-algorithmen-ethik-relevanz-ist-alles-11934495.html

Plädoyer für eine Algorithmen-Ethik : Relevanz ist alles

  • -Aktualisiert am

Begeistert von den Möglichkeiten ist nicht nur die Werbeindustrie, die Nutzer sind es auch; schließlich wurde nicht einer der 800 Millionen Kunden von Facebook gezwungen, einen Account zu eröffnen und diesen täglich im Durchschnitt zwanzig Minuten zu nutzen. Ebenfalls freiwillig legen Nutzer eine Location für ihr Lieblingscafé auf Foursquare an, um aller Welt mitzuteilen, wo sie sich gerade befinden. Oder sie laden ihre Joggingstrecken ins Internet, um alle Welt genau zu informieren. Die Menschen lieben diese Services und füttern die Algorithmen und Datenbanken mit großer Begeisterung, häufig übrigens nicht trotz der Datenschutzprobleme, sondern gerade weil sie ihre Daten mit aller Welt teilen wollen.

Bei der Frage nach dem Warum muss man trotzdem nicht unbedingt zum Kulturpessimisten werden. Es sind ein paar ganz einfache Prinzipien, die hinter diesem Verhalten stecken, eigentlich nur ein einziges, mit dem man das meiste erklären kann: Relevanz. Relevanz ist der Grund, warum man immer häufiger Menschen mit der Zeitung auf dem Schoß in der Bahn sitzen sieht, während sie ihr Mobiltelefon darüber halten und durch den Twitter-Stream blättern. Relevanz ist der Grund, warum inzwischen mehr Hotels über Empfehlungsplattformen gebucht werden als über alle Reisebüros zusammen. Und Relevanz ist auch der Grund, warum Leser gut gemachte personalisierte Nachrichten-Websites irgendwann den klassischen Angeboten vorziehen werden.

Wir brauchen eine Algorithmen-Ethik

Deshalb brauchen wir eine Diskussion über Mechanismen zur Kontrolle von Algorithmen, so, wie es nach dem Zweiten Weltkrieg eine Diskussion gab, die zur Einführung von Sicherungsmechanismen für Pluralität, Meinungsfreiheit und vor allem eine freie Presse geführt hat. Und wenn die 68er-Lehrergeneration ihren Schülern durch Zeitungsanalyse mit Schere und Textmarker beigebracht hat, wie Meinung gemacht wird, müssen die Schüler in der Zukunft verstehen lernen, warum sie auf ihrem Computer eine andere Nachrichtenlage sehen werden als ihr Tischnachbar.

Folgte man den Ausführungen des amerikanischen Politikprofessors Eben Moglen auf der diesjährigen re:publica-Konferenz in Berlin, dann sollte man nicht nur verstehen, wie die Algorithmen funktionieren, sondern noch einen Schritt weiter gehen und fragen, ob eine freie Medienlandschaft überhaupt langfristig gesichert werden kann, wenn jeder Lesevorgang in einer Datenbank landet und missliebige Bücher, Apps oder Artikel von den Unternehmen bereits per Fernzugriff entfernt oder geändert werden können.

Selbst wenn man diese radikale Sicht nicht teilt und sich dem Charme der algorithmisch gesteuerten Morgenzeitung hingibt, wenn wir im Fernsehduell akribisch zählen, wie viele Minuten Redeanteil auf einen Kandidaten entfallen, dann kann es uns nicht egal sein, wenn die politische Berichterstattung flächendeckend von einer unbekannten Zahl von Algorithmen gesteuert wird, deren Prinzipien wir nicht kennen und auch nicht kontrollieren können. Deswegen brauchen wir eine Algorithmen-Ethik.

Weitere Themen

Topmeldungen

Überlebende deutsche Soldaten verlassen nach der Kapitulation Stalingrad (undatierte Aufnahme).

80 Jahre Stalingrad : Der Wendepunkt des Zweiten Weltkriegs

Schon Zeitgenossen hatten das Gefühl, dass im Süden der Sowjetunion Kriegsentscheidendes geschah. Die Niederlage von Stalingrad markierte vor 80 Jahren den Anfang vom Ende des hitlerschen Reiches.
Die Erd- und Höhlenhäuser von Peter Vetsch sind überraschend energieeffizient.

Ungewöhnlich Wohnen : Wohnen geht auch anders

Warum nicht mal was Neues ausprobieren? Unter der Erde oder auf dem Wasser, im Wehrturm oder Baumhaus – neun ­Wohnbeispiele, die alles andere als gewöhnlich sind.

Einschlafen mit Anja Reschke : Gaulands Albtraum

„Reschke-Fernsehen“ heißt die neue Late Night Show im Ersten, deren Star Anja Reschke ist. Die macht sich locker; lustig ist es aber nicht.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.