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Pius-Brüderschaft : Kircheneinheit mit einem Holocaust-Leugner?

  • -Aktualisiert am

Der rebellische Erzbischof Marcel Lefebvre Bild: AP

Die jüdischen Gemeinden Italiens kritisieren die Aufhebung der Exkommunikation von vier Bischöfen, die der erztraditionellen Pius-Brüderschaft anhängen. Einer der Bischöfe, der englische Konvertit Richard Williamson, ist als notorischer Holocaust-Leugner bekannt.

          Die Aufhebung der Exkommunikation der vier Bischöfe der ebenso rebellischen wie konservativen Priesterbruderschaft St. Pius X. hat Papst Benedikt XVI. weiteren schweren Ärger mit der jüdischen Gemeinschaft in Italien eingetragen. Skandal erregt, dass unter den Begünstigten des Dekrets der Bischofskonkregation, den vier von Erzbischof Marcel Lefebvre am 30. Juni 1988 ohne päpstliche Autorisierung geweihten Bischöfen, in Person des englischen Konvertiten Richard Williamson ein notorischer Holocaust-Leugner ist. Rabbiner David Rosen, mit dem sich der Papst früher persönlich getroffen hat, sprach von einem „Schritt, der die Kirche infiziert“. Die „Oberflächlichkeit“ des Vatikans mache allen Dialog mit dem Judentum seit Johannes XXIII. zunichte.

          Der Vatikan bemühte sich am Wochenende, die angestrebte Versöhnung mit der Pius-Bruderschaft als rein theologische Frage darzustellen; Williamsons Äußerungen seien in keiner Weise akzeptabel, allerdings hätten private Ansichten, seien sie auch noch so abstrus oder kriminell, mit der kirchlichen Gemeinschaft nichts zu tun. Bei seiner jüngsten Ansprache vom Dienstzimmer auf dem Petersplatz hatte der Papst auf seine Weise versucht, die Wogen zu glätten, indem er an die Bekehrung des Paulus erinnerte, der nicht aus dem Unglauben, sondern aus dem Judentum zu Christus gefunden habe.

          Der Graben wird tiefer

          Genau diese Frage hatte dem Papst zuletzt schon genug Ärger beschert. Mit dem vorkonziliaren Missale wurde das Karfreitagsgebet zur Bekehrung der Juden rehabilitiert. Auch hier hatte Rom seine theologischen Gründe dargelegt, durch einen Artikel von Kardinal Kasper in diesem Feuilleton: Man bete am Karfreitag zugunsten der Bekehrung der Juden in eschatologischer Hinsicht – für Einheit am Ende der Tage. Die Liturgie solle nicht als Aufforderung zum Proselytenmachen verstanden werden.

          Dem venezianischen Rabbiner Elia Enrico Richetti, der ein Religionsgespräch mit dem Patriarchen von Venedig absagte, reicht diese Erklärung nicht aus: „Wer meint, ich als Jude bedürfe für mein Seelenheil noch einer Bekehrung, und sei es am Jüngsten Tag, respektiert meine Identität nicht.“ Laut Richetti verhindert der Rückgriff auf die alte Liturgie, dass alle Menschen gleichrangig als „Geschöpfe Gottes“ anerkannt würden. Wenn bei jedem Dialog stillschweigend die Überlegenheit des Christentums betont werde, werde die Kommunikation sinnlos. Richetti folgerte hart und ad personam: „In dieser Sicht ist die Unterbrechung der Zusammenarbeit zwischen italienischem Judentum und der katholischen Kirche die logische Konsequenz des ekklesiastischen Gedankenguts, das die höchste Autorität des Katholizismus vertritt.“

          Die Einheit der Kirche mit den Lefebvre-Anhängern ist noch längst nicht wiederhergestellt; trotz der Aufhebung der Exkommunikation bleibt den vier Bischöfen wie allen Priestern der Pius-Bruderschaft die Spendung der Sakramente untersagt. Dass sich einstweilen das offenkundige Zerwürfnis zwischen italienischen Juden und Katholiken, das sich seit dem Amtsantritt des Ratzinger-Papstes manifestiert, dadurch weiter vertiefen wird, dass Benedikt auch Williamson „die ausgestreckte Hand“ (Erzbischof Zollitsch) reicht – für diese Vorhersage muss man kein Prophet sein.

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