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Das Rätsel Deutsche Bahn : Ankommen wird zur Nebensache

  • -Aktualisiert am

Ankommen wird zur Nebensache: Eine Bahnmitarbeiterin gibt das Zeichen zur Abfahrt. Bild: dpa

Jetzt dankt die Deutsche Bahn ihren Fahrgästen schon für deren Mitarbeit. Dem Schienenverkehr ist hierzulande allenfalls noch philosophisch beizukommen. Wir versuchen es mit Heidegger und Gehlen.

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          Die Bahn fährt naturgemäß auf Schienen, aber ihre Wege sind nach wie vor unergründlich. Sie ist auch sprachlich für manche Überraschung gut, mündlich sowieso – eine aufmerksame Leserin versorgte uns bei der gedanklichen Vorarbeit für diese wie immer gutgemeinten Ausführungen mit dem Hinweis, jüngst habe sich der Durchsager bei den Fahrgästen sogar schon für deren „Mitarbeit“ bedankt; klingt übertrieben, aber der ewigen Geschwätzigkeit immer wieder neu seine Aufmerksamkeit widmen zu müssen, kommt ja tatsächlich einer Arbeitsleistung gleich –; aber auch in schriftlicher Form häufen sich Vorkommnisse, die nach einer Analyse verlangen.

          Abonnenten werden zum Beispiel folgendermaßen willkommengeheißen: „Erleben Sie mit uns gemeinsam die Welt der Bahn und erreichen Sie dabei einfach und bequem Ihre Ziele.“ Das ist natürlich ein Angebot, das man nicht leichtfertig ablehnt, und es wäre uns ganz einfach zu billig, hier jetzt süffisant zu werden: Tja, das mit dem einfachen und bequemen Erreichen unser aller Ziele ist ja schön und gut, wenn nur die stattliche, offenbar nicht in den Griff zu kriegende Verspätungsquote von rund 25 Prozent nicht wäre ... Lassen wir das.

          Das Ankommen erfolgt im Zuge eines Welt-Erlebnisses

          Was stutzig macht, das ist die Priorität, welche die Bahn immer noch glaubt, setzen zu dürfen: Denn das Ankommen, ob nun pünktlich oder nicht, ist offensichtlich nachrangig und erfolgt bloß im Zuge eines Welt-Erlebnisses, für das sich die Bahn als solche inzwischen schon zu halten scheint. Unter der Voraussetzung, dass es mit der Behauptung, der Weg sei das Ziel, ihre Richtigkeit habe, mag man sich das auch gefallen lassen – immer noch besser, während der Fahrt etwas zu erleben, als gar nichts, und sei es auch nur in der Konfrontation mit den durch anhaltende Unterfinanzierung verursachten, längst folkloristisch gewordenen Mangelerscheinungen, die sämtlich nicht gerade den Duft von Freiheit und Abenteuer verströmen.

          Wer der Sache philosophisch beikommen will, der schließe einfach Martin Heidegger mit Arnold Gehlen kurz, so dass in der Oberstromleitung die Funken stieben und sich die Lage des „Kunden“ (früher: des Fahrgastes) folgendermaßen „lichtet“ (Heidegger): In dem Moment, in dem „der Mensch“ (Gehlen) in die „Welt“ (DB) der Bahn „hineingeworfen“ (Heidegger) ist, verliert er seine ihm bis dahin so nachteilige Eigenschaft als „Mängelwesen“ (Gehlen) und tritt sie an das Unternehmen Deutsche Bahn ab, woraufhin diese an sich und an der „Welt“ (DB, Heidegger und Gehlen) dermaßen irre wird, dass sie lauter verkehrte Nachrichten produziert: „Bahn nutzt Sommerferien für die Modernisierung.“

          Man erinnert sich noch gut: Früher war Sommerzeit Bahnzeit. Das ist sie im Prinzip immer noch, aber nun dergestalt, dass just in der Reise-„Zeit“ (Heidegger) die meisten Baustellen anfallen. Diese und alle anderen von der Bahn zu verantwortenden Unannehmlichkeiten sind deswegen, gut heideggerisch, als das „Seiende“, dem menschlichen Verstand Zugängliche, weil ja offen zutage Liegende zu bezeichnen, während die Deutsche Bahn selbst, trotz all ihrer Mitteilsamkeit, das ewig rätselhafte „Sein“ darstellt und deswegen auch jede gedankliche Befassung ins Leere laufen lässt.

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

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