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Kolloquium Lech : Wen dürfen wir hassen?

Opfer seines Hasses: Jack Nicholson in Stanley Kubricks „Shining“ (1980) Bild: interTOPICS /Entertainment Pictures / eyevine

Der Hass ist ein Kind unserer Zeit. Wie entsteht er, wer profitiert davon, und hat er auch gute Seiten? Das ergründet das Philosophicum Lech zu seinem Jubiläum.

          5 Min.

          Vor gut fünfundzwanzig Jahren hatte der Schriftsteller Michael Köhlmeier die Idee, es müsse in seiner vorarlbergischen Heimat etwas für das intellektuelle Leben getan werden. Wer heute das Philosophische Kolloquium in dem Alpendorf Lech, das jeden September stattfindet, zum ersten Mal besucht, kann über das breite Interesse, das der Philosophie hier entgegenschlägt, nur staunen. Sechshundert Besucher in dicht besetzten Reihen, mehr würde die Turnhalle, in die man aus Platzgründen umzog, nicht verkraften. Ein dichtes Vortragsprogramm ohne Eventcharakter. Lokales Flair und eine beinahe familiäre Atmosphäre. Zwischen Lech und dem Philosophicum ist eine freundschaftliche Beziehung gewachsen.

          Thomas Thiel
          Redakteur im Feuilleton.

          Zum Jubiläum stand der Hass auf dem Programm. Eine Philosophie am Puls der Gegenwart kann sich ihr Thema nicht immer aussuchen. Der Hass ist das Kind einer Zeit, in der das Gleichgewicht zwischen Ich und Umwelt aus den Fugen geraten ist. Die Zukunft ist so unsicher, dass sie ständig einen Befähigungsnachweis verlangt. Man schwankt zwischen Größenwahn und Nichtigkeitsgefühl. Mit dem Internet hat der Hass ein Medium gefunden, das ihm, zumindest in seiner heutigen Form, strukturverwandt ist. Die großen Plattformen sind Hassindustrien, die den Hass belohnen und selbst vom Hass belohnt werden. Sie züchten ein narzisstisches Selbst, das nach Anerkennung giert und zum brutalen Rächer wird, wenn es sie nicht bekommt. Daraus wird schnell ein Massensport mit den irrationalsten Effekten, die ganz rational zu erklären sind: Die Randomisierung sozialer Bezüge, das unvermittelte Aufeinanderprallen einander wildfremder Menschen, der Zwang zur schnellen Positionierung, die Überlast der affektiven Bildkommunikation und das Gefühl der Verlorenheit in einem viel zu großen Resonanzraum und seinen unkalkulierbaren Effekten, das alles begünstigt den Drang, die Welt in feste moralische Schemata einzuteilen, um irgendwie mit ihr klarzukommen. Auf diesem Boden gedeiht der Hass.

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