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Luciano Canfora wird achtzig : Völliger Wahlsinn

Der italienische Altphilologe Luciano Canfora Bild: Tania/Contrasto/Laif

Seine „kurze Geschichte der Demokratie“ sorgte für einen kleinen deutschen Skandal, heute wird der Altphilologe Luciano Canfora achtzig Jahre alt. Ein Geburtstagsgruß.

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          Seine Feinde hätten lieber einen anderen gewählt. Aber ausgerechnet ein Kommunist, von Beruf Altphilologe, schrieb ein Buch über die Geschichte der Volksherrschaft, warf darin scheele Blicke auf die Bundesrepublik Deutschland und brachte vermeintlich Fakten durcheinander, um das alles auch noch bei C. H. Beck in einer Reihe namens „Europa bauen“ publizieren zu wollen, die ein Verlagsverbund zwecks paneuropäischer Mündigkeitsförderung in mehreren Ländern parallel herausbrachte.

          Spielräume für Dissens

          Dietmar Dath
          Redakteur im Feuilleton.

          Da erhob der Historiker Hans-Ulrich Wehler 2005 in einem kleinen Gutachter-Konzert schwerste Vorwürfe gegen Luciano Canforas „Eine kurze Geschichte der Demokratie“. Die unwahrscheinliche Verteidigungsallianz zwischen der F.A.Z. und dem Monatsmagazin „Konkret“, die auf diesen Angriff replizierte, wies indes Spielräume für begründeten Dissens nach (und mangelhafte Übersetzungsqualität). Schließlich er­­schien das Werk deutsch woanders, nämlich bei PapyRossa in Köln. Canfora selbst urteilte über seine Gegner in einer heiteren Polemik namens „Das Auge des Zeus“ mit antikischer Gelassenheit: „Der Ton ihres Traktats erscheint als wenig maßvoll.“

          Was den Mann anstößig machte, war nicht unbedingt sein politischer Standpunkt, er ist ein recht traditioneller „Jakobiner“ (Georg Fülberth). Aber in der deutschen Fach- und Meinungswelt beliebten Gemeinplätzen wie dem, der Sozialismus leninscher Prägung habe mit naturgesetzanaloger Zwangsläufigkeit zügig an Demokratie- und Freiheitsmangel verenden müssen, verweigert Canfora sich nicht aus Ideologie, sondern weil alte und neuere Quellen ihm verraten haben, dass große politische Gebilde, die weniger frei oder demokratisch waren als die Sowjetunion, doch deutlich länger Bestand hatten als diese. Sein besonderes Interesse gilt daher zeitweiligen Unverträglichkeiten schöner Po­litikziele wie „Freiheit“ und „Demokratie“ untereinander.

          Die Freiheiten athenischer Vollbürger oder mittelalterlicher Adelsgeschlechter etwa (aber auch die moderne Gewerbe- oder Vertragsfreiheit) mochten und mögen zwar den je Begünstigten gefallen, waren und sind aber auch Möglichkeitsbedingungen demokratieresistenter „Un­gleichheitsgesellschaften“ (Fülberth). Schlimmer: So sehr einerseits vergesellschaftete Verstandesleistungen sozial stabilere Resultate hervorbringen als die heute vielbeschworene „compliance“, so wenig ist andererseits ausgemacht, dass ein Ab­stimmungsergebnis unter Blöden mehr Respekt verdient als ein vernünftiger Befehl. Retrospektive europäische postkoloniale Selbstbezichtigungen, die eher Selbstbeschwichtigungen sind, wo sie die Gewalt der Kolonialmächte nur moralisch verdammen, nicht aber genealogisch diskutieren, meidet Canfora.

          Was „rückständig“ genannt wird, gab es ja auch in Europa: Stämme, Stände, Sekten. Derlei wurde nie per Volksentscheid abgeschafft. Die Niederschlagung des Vendée-Aufstands war keine Talkrunde. Und wo heute Weltmarkt- und Rüstungskonkurrenzen sich ereignen, bei denen höchstmögliche regionale Produktivität auf neuestem Technikstand der einzige Garant dafür ist, dass nicht ganze Erdteile Reservoire billiger Rohstoffe und Arbeitskräfte werden oder bleiben, können Sperrvorrichtungen gegen politische Destabilisierung in Aufholstaaten kein hübsches Bild abgeben.

          „Die Demokratie“, so Canfora, „ist auf andere Epochen verschoben und wird von anderen Menschen neu konzipiert werden. Vielleicht nicht mehr von Europäern.“ Die müssen solche Sätze ärger kränken als der dümmste Pessimismus. Aber mit Gekränkten hat Canfora, der am Pfingstsonntag achtzig Jahre alt wird, gut leben und schreiben gelernt.

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