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Pflichtsprache Deutsch : Integration auf die harte Tour

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Egal, woher die Egerkinger Kinder stammen: Auf dem Schulhof soll deutsch gesprochen werden. Bild: dpa

Im schweizerischen Egerkingen müssen Schüler auch in der Pause Deutsch reden. Wenn Kinder und Eltern nicht mitmachen, setzt es was.

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          An Egerkingen fährt jeder irgendeinmal vorbei. Das Dorf am Fuße des Jura ist der emblematische Ort der motorisierten Schweiz im Stau- und Dichtestress. Es liegt im Schnittpunkt ihrer Autobahnen. Wer aus Deutschland in den Süden will, kennt die Ausfahrt Egerkingen. Die europäische Nord-Süd-Achse kreuzt sich hier mit der Verbindung zwischen Genf und St. Gallen. Als das Schweizer Fernsehen seine erste eigene Serie produzierte, gab es ihr den Namen „Motel“ und drehte in Egerkingen.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Seine Hotels – jede zweite Übernachtung des gesamten Kantons Solothurn wird hier gebucht – sind für den nationalen Zusammenhang so wichtig geworden wie das „Bahnhofbüffet Olten“ in der Nachbargemeinde, dem Eisenbahn-Knotenpunkt des Landes, in dem die Sitzungen der Parteien, Verbände und Gewerkschaften stattfinden, wenn die Teilnehmer mit dem öffentlichen Verkehr anreisen. Hier wurde der dissidente Schweizer Schriftstellerverband gegründet, der sich während der Zeit seines Bestehens „Gruppe Olten“ nannte.

          Ein Maßnahmenbündel inklusive Dresscode

          In diesen Tagen ist Egerkingen zum neuen Seldwyla geworden. Rund 3500 Einwohner haben hier ihren permanenten Wohnsitz. Der Anteil der Ausländer liegt bei knapp unter dreißig Prozent. Die Zustimmung für die „Initiative gegen die Masseneinwanderung“ war beträchtlich, gleichzeitig wurde einst ein Parlamentsbeschluss „Für die Finanzierung und den Ausbau der Eisenbahnstruktur“ abgelehnt.

          In Egerkingen regiert das Auto. Doch in Zukunft sollen die Eltern ihre Kinder nicht mehr in die Schule fahren. Dass sie es tun, rechtfertigen sie mit der Sicherheit ihrer Kinder, nicht nur auf der Straße. Der fromme Wunsch der Gemeindebehörden ist Teil eines Pakets von Maßnahmen, zu dem auch ein Dresscode mit Vorgaben zu Bauchnabel und Dekolleté gehört. Wer sich nicht an ihn hält, bekommt einen Pullover oder eine Hose. Handys und andere elektronische Geräte müssen auf dem ganzen Areal ausgeschaltet bleiben, sonst werden sie eingezogen.

          Und überall, auch außerhalb des Klassenzimmers, soll nur noch Deutsch gesprochen werden. Wer gegen diese Regel verstößt, wird bestraft. Zunächst gibt es eine mündliche Verwarnung. Beim zweiten Mal bekommen die Eltern einen schriftlichen Verweis. Und dann wird es teuer: Die Kinder werden zu einem Deutschkurs verdonnert, den die Familien bezahlen müssen – zehn Lektionen kosten 550 Franken (rund 500 Euro).

          Gegen die Diskriminierung der kleinen Schweizer

          23 verschiedene Muttersprachen werden in der Schule gesprochen. Es gibt Klassen, in denen die Ausländerkinder siebzig Prozent der Schüler ausmachen. Als wichtigsten Grund für die Pflichtsprache Deutsch auf dem ganzen Areal nennen die Behörden die Diskriminierung und Ausgrenzung der kleinen Schweizer. Deutsch als einziges Idiom soll davor schützen. Es fördere gleichzeitig die Integration der anderen Minderheiten. Mit diesem hehren Ziel wird auch die Anordnung begründet, die Schüler sollen bitte zu Fuß in die Schule kommen, und zwar zusammen. Der gemeinsame Weg führe zu einem besseren Zusammenhalt. Konsequenterweise müsste man dann allerdings auch den Schweizer Dialekt auf dem Pausenhof verbieten und alle zusammen „Hochdeutsch“ sprechen lassen.

          Ausgeheckt hat dieses Programm die Bürgermeisterin von Egerkingen. Johanna Bartholdi gehört nicht der Schweizerischen Volkspartei SVP an, sondern den Liberalen von der Freisinnig-Demokratischen FDP. Nur über den Geldbeutel, sagt sie, könne man die Eltern umerziehen. Wenn zu Gesprächen mit Lehrern oder Schulpflege ein Dolmetscher hinzugezogen werden muss, will Bartholdi die Kosten dafür nicht mehr der Gemeinde anlasten: „Es kann nicht sein, dass man das Gefühl hat, das Gemeinwesen kommt für alles auf.“ Auch die „Muki-Deutschkurse“ (für Mutter und Kind) kosten keinen Rappen. Wer Elternabenden oder offiziellen Schulanlässen unentschuldigt fernbleibt, muss in Zukunft mit einer Buße von tausend Franken rechnen.

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