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Pflicht zum Kassenbon : Zettelwirtschaft

  • -Aktualisiert am

Achtlos auf den Boden gerutscht, hat natürlich niemand was von den schönen Kassenzetteln: Zweitagesproduktion in einer Bäckerei in Nordrhein-Westfalen. Bild: dpa

Die einen wollen den Kassenbon gesetzlich vorschreiben, um unlautere Kassenführung zu verhindern, die anderen sehen schon ein neues Bürokratiemonster. Doch was man mit den Zetteln alles machen könnte!

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          Man ist gerade am Verstauen der eingekauften, sich auf der abschüssigen, meistens in zwei Richtungen abzweigenden Ausfahrt des Warenbands schnell stauenden oder schon unordentlich auftürmenden Sachen, fummelt noch das Wechselgeld ins Portemonnaie, man will ja nicht trödeln, die nächsten Kunden haben ihre Zeit schließlich auch nicht gestohlen; da ergeht seitens der Kassiererin eine Frage, die einem in die Glieder fährt – nicht, weil sie so wichtig wäre, sondern weil sie angesichts der eigenen Eile, zu der man sich ja nicht zuletzt durch die Rücksicht auf den Nächsten angehalten fühlt, von so herzlicher Nachrangigkeit, ja, im Grunde schon unpassend, um nicht vollends zu sagen: beinahe rücksichtslos ist: „Brauchen Sie den Kassenbon?“

          Wer hier die Nerven behält und auf unnötige Reibungsverluste keinen Wert legt, der murmelt daraufhin bloß: „Nein“ beziehungsweise, die Kassiererin tut ja auch nur ihre Arbeit: „Nein, danke“ und macht, dass er wegkommt. Wer das Angebot hingegen annimmt, vielleicht, weil er nicht undankbar erscheinen will oder weil er übervorsichtig ist und sich schon ausmalt, wie ihm der Ladendetektiv beim Verlassen des Geschäfts auf die Schulter tippt, der ist dann in der Verlegenheit, schon wieder etwas erworben zu haben, das er nicht braucht, denn das Finanzamt akzeptiert, wie jeder weiß, bloße Bons in aller Regel ja sowieso nicht; und eine Quittung für die paar Sachen wäre doch wohl übertrieben.

          Wohin also mit dem Papier? Da, am Ausgang, steht ein Behälter, das wird ein Papierkorb sein, nein, es ist ein Regenschirmständer, in den schmeißt man nichts rein. Also zusammengeknüllt, den Bon, und in die Hosentasche damit, spätestens zu Hause wird man ihn schon wieder loswerden. Alles nicht sooo schlimm. Aber eben auch nicht unbedingt nötig. Wenn es nach den Sozis geht, dann ist der Kassenbon zum neuen Jahr gesetzlich vorgeschrieben, um den Steuerbetrug durch unlautere Kassenführung einzudämmen.

          Der schwarze Bundeswirtschaftsminister Altmaier sieht dagegen schon ein neues Bürokratiemonster sein Haupt erheben und die Umwelt, letztlich wohl auch das Klima durch das viele, nach wie vor mit ungesunden Weichmachern versetzte Thermopapier weiter ruiniert. Fakt ist, dass man allein mit den dann anfallenden zusätzlichen Kassenbons der Supermarktkette Rewe zweieinhalbmal schön weich die Erde umwickeln könnte, das sind etwa 120.000 Kilometer. Der deutsche Einzelhandel insgesamt wird, zusätzlich, wohlgemerkt, auf zwei Millionen kommen, das macht dann fünfzig Mal um die Erde. Das könnte ein gewaltiges, nie dagewesenes Verpackungsprojekt abgeben – Christo, übernehmen Sie!

          Edo Reents

          Redakteur im Feuilleton.

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