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Pflege am Lebensende : „Patientenverfügungen werden aus Angst geschrieben“

  • -Aktualisiert am

„Es muss eine echte Wahl geben” Bild: dpa

Der Bundestag diskutiert am kommenden Donnerstag über den Entwurf eines Patientenverfügungsgesetzes. Auch entschiedene Vertreter einer weitgehend deregulierenden Lösung der Patientenverfügung unterstreichen die Bedeutung der Fürsorge im Sterbeprozess.

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          „Fürsorge in Fremdbestimmung ist genauso schlecht wie Selbstbestimmung ohne Fürsorge.“ Mit dieser These schlug der FDP-Abgeordnete Michael Kauch in der Bundestagsdebatte über die Rahmenbedingungen des Sterbens, die die Grünen auf die Tagesordnung gesetzt hatten, den Bogen zu der am Donnerstag dieser Woche anstehenden Diskussion über den Entwurf eines Patientenverfügungsgesetzes, den er eingebracht hat.

          Dass mit Kauch einer der entschiedensten Vertreter einer weitgehend deregulierenden Lösung der Patientenverfügung die Bedeutung der Fürsorge im Sterbeprozess unterstrich, war bemerkenswert. Der SPD-Abgeordnete und Arzt Wolfgang Wodarg nannte es richtig, im Bundestag zuerst darüber zu beraten, wie Hilfe und medizinische Versorgung organisiert werden können, damit Menschen am Lebensende nicht verzweifeln müssen, und erst in einer zweiten Sitzung über Patientenverfügungen zu sprechen: „Denn wenn sie verzweifelt sind, dann bekommen sie Angst. Aus dieser Angst heraus schreiben sie Patientenverfügungen.“

          Aufhebung des starren Dualismus

          Alle Redner waren sich darin einig, dass in den letzten zwei Jahren viele Regelungen eingeführt wurden, die die Versorgung schwerkranker und sterbender Menschen verbessern. Die Oppositionsredner wiesen auf nach wie vor bestehende Regelungsdefizite hin sowie auf die erhebliche Diskrepanz zwischen Normen und alltäglicher Realität.

          Birgit Bender (Grüne) berichtete von eigenen Erfahrungen und dem fehlenden Wissen über palliative Versorgungsmöglichkeiten. Sie plädierte für die Aufhebung des starren Dualismus von ambulanter und stationärer Versorgung, der dazu führt, dass Menschen, die sich irgendwann für das Leben im Pflegeheim entschieden haben, kein Weg mehr zurück in eine andere Lebensform offensteht. „Es muss eine echte Wahl geben.“ Die Pflegeurlaubsregelungen der Pflegereform bewertete sie als unzulänglich, weil sich niemand leisten könne, für eine Pflege von Angehörigen am Lebensende auf sein Einkommen zu verzichten.

          Das Tabu ist der Prozess des Sterbens selbst

          Ilja Seifert (Die Linke) rückte die Ablebensbedingungen in Heimen, deren Zeitregime auf Kostendeckung ausgerichtet ist, in den Mittelpunkt, um zu fragen, warum die Familie nur so selten die Voraussetzungen dafür schaffen kann, das Lebensende als eine gemeinsame Erfahrung zu sehen. Hubert Hüppe (CDU) lenkte das Augenmerk darauf, dass auch am Lebensende Unterschiede und Benachteiligungen nicht verschwinden. Die Situation von Menschen mit geistigen Behinderungen am Lebensende beurteilte er als besonders schwierig, weil schon die Bedürfnisse dieser besonders verletzlichen Gruppe schwer zu erfassen seien. Die Mängel der Finanzierung von Palliativmedizin im stationären Bereich stuften Kauch und Wodarg als besonders problematisch ein.

          Die an Zwischenrufen arme Debatte war an Beobachtungen und persönlichem Engagement der Redner auffallend reich. Dass eine solche Diskussion zu den materiellen Lebensbedingungen viel weniger öffentliche Aufmerksamkeit auf sich zieht als die juristisch feinziselierte Kontroverse über Patientenverfügungen, irritiert - ist womöglich aber auch Teil des Problems: Das Tabu ist der Prozess des Sterbens selbst, die Wahrnehmung von Rechten gegenüber anderen ist dagegen ein wenig angstbesetzter, vertrauter Stoff.

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