https://www.faz.net/-gqz-12kua

Pfingsten : Einspruch gegen das Gesetz von Welt und Polis

  • -Aktualisiert am

Bild: REUTERS

Ein Brausen vom Himmel: An Pfingsten kommt das Christusereignis zum Abschluss - und die unerhörte Botschaft von der Gleichheit aller Menschen in die Welt.

          5 Min.

          Der Frühsommer um Pfingsten war bereits in den dreißiger Jahren der neuen Zeitrechnung in den Gebieten um das Mittelmeer eine beliebte Reisezeit. Weil Pfingsten mit dem jüdischen Tempelfest Schawuot zusammenfiel, war Jerusalem das bedeutendste Ziel. So kam es, dass auch die Jünger Jesu in Jerusalem versammelt waren.

          „Da kam plötzlich vom Himmel ein Brausen her, wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie waren. Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder. Alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt und begannen, in fremden Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab“, heißt es in der Apostelgeschichte (2, 2-4).

          Damit war eines der Zeichen bestätigt worden, das der auferstandene Jesus Christus angekündigt hatte, als er den Aposteln den Auftrag gab, Gottes Wort in die Welt zu tragen: nämlich in „neuen Sprachen zu reden“ (Markus 16, 17). Das Neue dieser Sprachen sollte aber keine wörtlich oder grammatisch unverständliche Zungenakrobatik sein, wie sie in vielen mystischen Kulten und Zeremonien zelebriert wird. Denn: „Als sich das Getöse erhob, strömte die Menge zusammen und war ganz bestürzt; denn jeder hörte sie in seiner Sprache reden. Sie gerieten außer sich vor Staunen und sagten: Sind das nicht alles Galiläer, die hier reden? Wieso kann sie jeder von uns in seiner Muttersprache hören: Parther, Meder und Elamiter, Bewohner von Mesopotamien, Judäa und Kappadozien, von Pontus und der Provinz Asien, von Phrygien und Pamphylien, von Ägypten und dem Gebiet Libyens nach Zyrene hin, auch die Römer, die sich hier aufhalten, Juden und Proselyten, Kreter und Araber, wir hören sie in unseren Sprachen Gottes große Taten verkünden. Alle gerieten außer sich und waren ratlos.“ (Apg 2, 6-12).

          Bild: REUTERS

          Eine bis dahin unerhörte Botschaft: für alle

          Neu an diesen Sprachen war: die eine Botschaft, die Worte Gottes, für alle. Das kann man als Umkehrung der die Menschen auseinandertreibenden Sprachzerstreuung Babylons verstehen, bedeutender ist aber, dass damit das Christusereignis zum Abschluss kommt. Mit den in allen Sprachen redenden Aposteln ist klar, dass der gefolterte Jesus Gottes Sohn Jesus Christus ist. Damit kommt die christliche Kirche, die erste Universalität anstrebende Institution der Geschichte, in die Welt.

          Das Wunder der Auferstehung wird zum Symbol der Begründung einer Mission, die alle bisher bestehenden Wissensmarken durchbricht und ein Eingriffsvermögen ankündigt, das für alle offen ist. „Denn wir sind durch einen Geist alle zu einem Leib geworden, wir seien Juden oder Griechen, Unfreie oder Freie, und sind alle mit einem Geist getränkt“, wird Paulus später den Korinthern den Sinn des Christusereignisses erläutern (Kor 12, 13). Der Geist des einzigen Gottes tritt damit zum ersten Mal als etwas auf, das den Menschen, an die er sich wendet, keine weitere Differenz einschreibt. Die alten Skalen - Jude, Grieche, Römer, Freier, Sklave - werden nicht nur überschrieben durch ein ideelles Gleichheitspostulat, sondern negiert: Das eine gibt es nur, wenn es für alle da ist. Das ist die bis dahin unerhörte Botschaft des Pfingstereignisses, und sie ist untrennbar mit dem Wunder der Auferstehung verbunden. Zum Gründungsereignis einer Bewegung, die in der Folge in dem Sinn geschichtswirksam werden konnte, dass sie die alten Werte fundamental zerstören wird, konnte das Christentum aber nur heranwachsen, weil es tatsächlich verstörte.

          Weitere Themen

          Mit immer neuen Waffen

          Das Phänomen Krieg : Mit immer neuen Waffen

          Die Faszination für Gewalt besteht auch in Friedenszeiten: Die Historikerin Margaret MacMillan beschäftigt sich mit der Bedeutung des Kriegs für die Menschheitsgeschichte.

          Topmeldungen

          Polizisten am Frankfurter Mainufer.

          Was zu tun ist : Den Bürger nicht allein lassen

          Der Rechtsstaat sollte konsequent sein: ohne Sicherheit keine Freiheit. Das gilt auch bei der Einwanderungspolitik – die lange von naiven Vorstellungen geleitet wurde.

          Zukunft der Schule : „Wir sind total festgefahren“

          Dario Schramm ist die Stimme der Schüler in Deutschland. Ein Gespräch darüber, wo es an deutschen Schulen hakt und warum soziale Kompetenzen im Unterricht wieder mehr im Vordergrund stehen sollten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.