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Beiruts Hippodrom : Die letzte Bastion des libanesischen Hedonismus

  • -Aktualisiert am

Wirtschaftskrise, Corona und andere Begehrlichkeiten: Der Rennbahndirektor kämpft um sein Hippodrom. Bild: dpa

Der Hizbullah wäre es lieber, hier einen Friedhof für Märtyrer anzulegen. Dass im Hippodrom von Beirut noch immer Pferderennen stattfinden, ist auch der Hartnäckigkeit des Rennbahndirektors zu verdanken.

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          Nabil Nasrallah kämpft seit Jahren ums Überleben. Er weiß, wie das geht. Kleine Schlachten gewinnen. Der ewige Direktor der Rennbahn hat kaum je in einem Sattel gesessen, aber die Pferde sind seine Welt, seit er 1971 nach einem Praktikum im Hippodrom von Beirut hängengeblieben ist. Eine grüne Oase zum Durchatmen, in der Klatschmohn und Butterblumen wachsen und Vögel auf uralten Pinien singen. Noch vor ein paar Monaten, als das Leben seinen normalen Gang ging, riss Nasrallah denselben Witz, den jeder libanesische Taxifahrer als Erstes erzählt. „Wir denken nie daran, was in fünf, sechs Monaten ist. Wenn wir das täten, hätten wir alle schon Selbstmord begangen!“ Für die Rennbahn heißt das: „Es ist uns gelungen zu überleben. Das Überleben gesichert haben wir nicht.“

          Lena Bopp

          Redakteurin im Feuilleton.

          Es war lange nicht ungewöhnlich, Menschen im Libanon auf diese Weise über ihre eigene Lage reden zu hören. Mit einer Mischung aus Stolz und Spott sprach man sich selbst eine besondere Resilienz zu, erzählte von Bars, Hotels und Restaurants, die nicht schlossen, als zwischen 1975 und 1990 der Bürgerkrieg tobte. Oder als 2006 der Krieg zwischen Israel und der Hizbullah ausbrach. Geschichten vom Überleben gehören zum Alltag in dem kleinen Land, in dem sich die konfessionellen Gruppen seit Jahrzehnten argwöhnisch beäugen und gegenseitig so erfolgreich blockieren, dass es weder eine vernünftige Müllentsorgung noch eine durchgehende Stromversorgung gibt, keine Stadtplanung und kein Verkehrskonzept. Das alles hat Nabil Nasrallah nicht umgeworfen.

          Die Währung verliert rasend an Wert

          Nun liegen die Dinge anders. „Der Libanon ist nicht mehr lebensfähig“, sagt er. „Wir erwarten das Schlimmste.“ Wie dem ganzen Land stecken seiner Rennbahn viele Monate einen ungekannten Niedergangs in den Knochen. Als im vergangenen Herbst die Massenproteste gegen die korrupte politische Elite des Landes begannen, musste das Hippodrom aus Sicherheitsgründen schließen. Kaum hatte es wieder geöffnet, schlug die seit Jahren schwelende Wirtschaftskrise mit voller Härte durch. Zehntausende Menschen verloren ihre Arbeit, im Frühling meldete die unter großen Mühen neu gebildete Regierung den Staatsbankrott an. Dann kam das Virus. Ein wochenlanger, strenger Lockdown begann. Die etwa fünfzig Mitarbeiter der Rennbahn müssen nun mit sechzig Prozent ihres früheren Gehaltes auskommen, was enorm ist, denn die einheimische Währung verliert rasend schnell an Wert, alles wird teurer, und rettende Dollar, die bis vor wenigen Monaten zuverlässig aus dem Geldautomaten kamen, sind kaum mehr zu kriegen.

          Eine grüne Oase zum Durchatmen, in der Klatschmohn und Butterblumen wachsen.

          „Wenn wir den Rennbetrieb nicht bald wieder aufnehmen, müssen wir eines sehr nahen Tages endgültig dichtmachen“, sagt Nasrallah, der gern Französisch spricht. Vorbei wären die Sonntage, die man auf dem riesigen, zwanzig Hektar großen Gelände weit weg von der Hektik und doch mitten in der Stadt verbringt. Vorbei die Tage, an denen man, auch weil Handys verboten sind, um Wetten mit illegalen Anbietern zu verhindern, gar nicht anders kann, als sich dem Rhythmus der Rennbahn hinzugeben. Alle halbe Stunde ein Rennen, sieben Rennen am Tag. Die Menschenmenge treibt vom Abreiteplatz an die Rennbahn, Johlen, Rufen, Applaus, und wieder zurück, vorbei an den vorsintflutlichen Fernsehgeräten, die das Rennen in Zeitlupe wiederholen, vorbei an den Wettschaltern hinter weißen Gittern und zurück unter die schattenspendenden Bäume, um auf die nächsten Pferde zu warten. Hin und her, wie Wellengang an einem Frühsommertag mit leichter Brise.

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