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Neuer Konservatismus : Angst essen Deutschland auf

  • -Aktualisiert am

Geflüchtete im Hungerstreik vor dem Brandenburger Tor. Bild: dpa

Den Flüchtlingen mit neuem Konservatismus zu begegnen – das ist sicherlich gutgemeint, aber es spricht Hochmut daraus. Eine Politik, die sich das Unmögliche zumutet, läuft Gefahr, am Möglichen zu scheitern. Ein Gastbeitrag.

          Zwei Konservatismen treffen gegenwärtig in Deutschland aufeinander: der Konservatismus der Migranten, die, aus einem anderen Kulturkreis kommend, ins Land strömen und im mitgeführten Eigenen in der Fremde Halt suchen; und der Konservatismus der Autochthonen, die den Migranten feindselig, jedenfalls misstrauisch gegenüberstehen und das Eigene gegen sie verteidigen zu müssen meinen. Könnte und müsste die Politik auf diese Konstellation nicht mit einem modernisierten, vernünftigen Konservatismus antworten, der den Antagonismus gleichsam überwölbt und überwindet?

          So fragt Armin Nassehi in seinem „Die Stunde der Konservativen“ überschriebenen Artikel. Und gibt natürlich auch eine - bejahende - Antwort. Eine richtige Beobachtung und eine originelle Idee, denkt sich der Leser und fragt neugierig: Wie sieht der modernisierte Konservatismus aus, der das Zeug haben soll, das gegeneinander gerichtete Beharren der Einheimischen und der Migranten zu überwinden? Er findet, wenn er genau liest, im argumentativen Rankenwerk eine einzige Antwort: Dieser Konservatismus nimmt die Schwäche des Menschen ernst, die sich in dem Beharren im Eigenen auslebt. Das klingt sympathisch und vertraut. Ist das nicht immer ein Wesenszug des Konservatismus gewesen - die Schwäche des Menschen ernst zu nehmen?

          Begründete Skepsis

          Aber was bedeutet das genauer: die menschliche Schwäche des gegeneinander gerichteten Beharrens zweier Großgruppen, die in einem Gemeinwesen zusammenleben müssen, ernst nehmen? Offenbar ist das die Schlüsselfrage, an der sich entscheidet, ob Nassehis Deutungsversuch weiterhilft oder nicht. Und genau an diesem Punkt schwenkt Nassehi in eine breit ausgetretene Sackgasse ein.

          Man müsse die Ängste der Bürger ernst nehmen, ist eine Standardfloskel der Politik. Gemeint ist immer: Man muss sie ihnen ausreden. Sie sind unbegründet. Aufklärung ist nötig, um die Bürger auf den Pfad der Tugend zu führen. Dass die Politik Anlass haben könnte, auch über sich selbst nachzudenken, ist nie oder nur selten gemeint. Es ist ein therapeutischer Hochmut, der sich in der Floskel von den Ängsten, die man ernst nehmen müsse, in scheinbarem Entgegenkommen ausspricht. Und ebendieser therapeutische Hochmut führt auch bei Nassehi die Feder: Von den verunsicherten Kleinbürgern ist wieder und wieder die Rede; von den - natürlich - unrealistischen Angsterwartungen; von einer Politik für Schwache, die als Pädagogik für Schwache verstanden werden müsse; von der Ökumene der Vereinfacher. Wer oder was wird da eigentlich ernst genommen?

          Heimatlosigkeit im blass Universalen

          Tatsächlich läge es nahe, dem Ernstnehmen der Ängste einen ganz anderen Sinn zu geben. Ein vernünftiger Konservatismus bietet da in der Tat einen Anknüpfungspunkt. Er kann uns daran erinnern, dass es ein Gebot politischer Klugheit ist, bestimmte anthropologische Konstanten ernst zu nehmen. Der Mensch ist, um eine Formulierung von Nassehi aufzunehmen, kein unbeschriebenes Blatt - das kann man evolutionär oder auch anders erklären. Er braucht das Eigene, eine ihm vertraute, einigermaßen stabile Umwelt. In einer Welt blasser Universalismen ist er heimatlos. Die Universalismen müssen ins Eigene integriert werden, damit er sie sich aneignen kann.

          Auch das Eigene ist natürlich immer im Wandel begriffen. Aber dieser Wandel darf sich nicht zu dramatisch, zu schnell, zu abrupt vollziehen. Der Mensch muss ihm folgen können, ohne das Eigene dabei zu verlieren. Der Mensch braucht, heißt das, ein Grundgefühl der Sicherheit, der Sicherheit, dass ihm seine Welt nicht ganz abhandenkommt, auch im Wandel nicht.

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