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Deutschland als Heimat : Wir Dichter und Kicker unter uns

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Mögen es die deutschen Fußballer (hier Jérôme Boateng) beim Mitsingen der Nationalhymne doch halten, wie sie wollen. Bild: firo Sportphoto

Einige Spieler werden bei der Europameisterschaft im Stadion die Nationalhymne nicht mitsingen. Na und? Was uns als Heimat gilt, das speist sich doch aus ganz anderen Quellen. Ein Gastbeitrag.

          5 Min.

          Angeblich existiert in Indien ein Mädchenname, der übersetzt bedeutet: Sollte ein Junge werden. Das mag stimmen oder nicht, jedenfalls könnte in diesem Sinne mein sogenannter Roman heißen: Sollte ein Sachbuch werden. Doch wie Eltern ihre Kinder, so dürfen ja auch Autoren ihre Bücher nicht einfach nennen, wie es ihnen gerade passt. „Sollte ein Junge werden“ darf ein Mädchen hierzulande nicht heißen, genauso wenig wie „Eintracht Frankfurt“ oder „Applepie Thunderstorm“. In der Welt der Bücher sind es die Marketingexperten, die Kritiker und die Literaturwissenschaftler, die über die Zulässigkeit von Namen wachen.

          Von diesen Experten musste sich der Autor in den letzten Jahren manche Gattungsbezeichnung für ein Buch anhören, das er selbst am liebsten nur mit seinem Titel in die Welt geschickt hätte. Ich habe der Etikettierungswut, ehrlich gesagt, mehr oder weniger teilnahmslos zugesehen, bis kürzlich eine Germanistin dem Kind einen Namen gab, der mich wie ein Blitz durchfuhr. Was ich da verfasst hätte, teilte sie dem Publikum mit, das sei ein Heimatroman. Wie dankbar war ich dieser Dame! Und was hätte ich darum gegeben, darauf zur rechten Zeit selbst gekommen zu sein.

          Ein Erbe der Spätromantik

          Ich will das erläutern und dazu zwei entfernte Ereignisse miteinander verbinden. Vor wenigen Tagen hielt ich in der Kunsthalle Osnabrück einen Festvortrag, der dem Thema „Landschaft“ gewidmet war. Das ist das eine Ereignis. Das andere findet heute Abend statt. Da werden in einem Fußballstadion in Frankreich Mesut, Sami und Jérôme mit aller Macht ihr Tor, das Tor der deutschen Mannschaft, manche werden sagen: unser Tor, gegen Angriffe einer Mannschaft verteidigen, die, was immer sie sonst sein mag, eines mit Sicherheit nicht ist: nämlich deutsch, um dann mit ebensolcher Macht deren Tor, das der Nichtdeutschen, zu beschießen.

          Beide Ereignisse haben mit dem zu tun, was wir Heimat nennen. Landschaft ist ein Stück Natur, zu dem Menschen eine Beziehung aufgebaut haben, ja das es - anders als Molekülketten und Gammastrahlen - ohne Menschen gar nicht gäbe. Landschaft verändert sich daher; nicht nur durch den Menschen, sondern auch mit ihm. Wo Petrarca meinte, im Anblick, den er vom Gipfel des Mont Ventoux aus genoss, sich selbst wie in einem Spiegel zu erkennen, da meinte Hegel den Weltgeist vor thüringischen Bergen wie auf einer Bühne reiten zu sehen; und wenn wir heute meinen, in piniengesäumten Hügeln das Gesicht Italiens, in schroffen Fjordabhängen das Norwegens oder in einer bewaldeten Burgruine das Deutschlands zu erkennen, dann ist das ein Erbe der Spätromantik, wenn nicht gar völkischer Weltanschauung. Was immer uns aber als Physiognomie der Heimat gelten mag, es käme zur Not auch ohne Worte aus.

          Zur Hölle mit der Hymne!

          Das gilt für die Weise, in der Heimat in dem anderen Ereignis zum Thema gemacht wird, leider nicht. Wenn heute Abend um kurz vor neun die Kamera über die Gesichter der deutschen Fußballer fahren wird, dann werden viele deutsche Fernsehzuschauer, viel mehr noch als bei der Weltmeisterschaft vor zwei Jahren, argwöhnisch darüber wachen, ob Mesut, Sami und Jérôme die Lippen auseinanderkriegen, um die Nationalhymne mitzusingen. Und egal, was sie dabei sehen, sie werden es so auslegen, dass sie selbst recht behalten. Singen diese Spieler, werden sie sagen: Na bitte, geht doch, warum nicht gleich so. Singen sie nicht, werden sie sagen: Siehste, genau das ist das Problem mit den Brüdern, wollen für uns spielen, aber sich zu uns bekennen, das wollen sie nicht. Ein Bekenntniszwang ist etwas Grausames. Aber der Zwang, sich zu etwas Unbekennbarem zu bekennen, ist niederträchtig. Darum möchte ich dem Argwohn entgegnen, und zwar, in vollem Bewusstsein meiner Wortwahl, mit der Autorität des gekrönten Dichters:

          Lieber Herr Özil, lieber Herr Khedira, lieber Herr Boateng, bitte singen Sie, wenn Ihnen danach ist; bitte lassen Sie es, wenn nicht. Sollten Sie aber den Druck der Erpressung spüren, den ein anmaßend selbstgerechtes Heimatgefühl auf ein angemessen kompliziertes Heimatgefühl ausübt, dann empfehle ich Ihnen Schmähkritik. Unter uns, von deutschem Dichter zu deutschem Kicker: zur Hölle mit der Hymne! Zum Teufel mit dieser Promenadenmischung aus stumpfen Trochäen, ihrerseits gezeugt im Vollrausch auf einer englischen Insel, und süßlicher Schlampenmelodie, die auch für Österreich schon die Beine breit gemacht hat. Wenn ihr wissen wollt, ihr Patrioten, was eine vaterländische Hymne ist, dann lest gefälligst Hölderlins Gesang an den Rhein. Und dann fragt euch, ob darin etwas angesprochen wird, zu dem man sich bekennen könnte. Kann man nämlich nicht, obwohl dort an nichts gespart wird, durch das sich Zuneigung zu einer deutschen Landschaft fassen ließe.

          Die Loreley mit Lockenwicklern

          Hölderlins Hymne preist den Rhein stromabwärts. Lebten wir in besseren Zeiten, könnte man sich von ihr treiben lassen. Doch leider leben wir in Zeiten, in denen sich deutsche Landschaften leichter gegen den Strom betrachten lassen. Wegen vor achtzig Jahren. Und, wer hätte das gedacht, wegen heute. Eine Fahrt gegen den Strom ist es denn auch, durch die verbunden ist, wovon gerade die Rede war. Von Osnabrück nach Bad Homburg führt der Weg den Rhein hinauf. Durch diese urgermanische Landschaft fuhr ich unlängst mit dem Zug, und was sah ich, während mir Hölderlins Hymne entgegenfloss und fast die Tränen löste?

          Während ich las: „Ein Gott will aber sparen den Söhnen / Das eilende Leben und lächelt, / Wenn unenthaltsam, aber gehemmt / Von heiligen Alpen, ihm / In der Tiefe, wie jener, zürnen die Ströme. / In solcher Esse wird dann / Auch alles Lautre geschmiedet, / Und schön ists, wie er drauf, / Nachdem er die Berge verlassen, / Stillwandelnd sich im deutschen Lande / Begnüget und das Sehnen stillt / Im guten Geschäfte, wenn er das Land baut / Der Vater Rhein und liebe Kinder nährt / In Städten, die er gegründet.“? Ich sah einen Landstrich, der zu amerikanisch für Deutschland ist und zu deutsch für Amerika. Parodie des einen, schlechte Kopie des anderen. Campingplätze, auf denen Schwarzrotgold für Grillkohle, Hackepeter und Frischgezapftes steht, hundert Flussbiegungen, alle sind sie rund und heißen doch „Eck“. Ich sah die Loreley mit Lockenwicklern.

          Heimat ist das, was nie ganz ist

          Mein Buch handelt von Deutschland. Neben Weihnachten und der Romantik, Dichtern und Denkern, Fußballern und Ingenieuren, Völkermord und Weltliteratur spielen dort Landschaften eine große Rolle. Deutsche Landschaften. Landschaften, in denen, wie es ein böses Wort wieder will, manche Menschen „raumfremd“ sein sollen. Heute heißen sie Mesut, Sami und Jérôme, vor achtzig Jahren hießen sie Cohn, Frankfurter und Rosenzweig. Oder Martin. Wie die zweite Hauptfigur meines Buchs. Wenn es nach der ersten, nach Leuten wie meinem Großvater, dem Sturmbannführer Friedrich, gegangen wäre, einem Experten zur Herstellung von Deutschen, dann hätte es Deutsche wie seinen Bruder Martin in Zukunft nicht mehr gegeben. Menschen, die Goethe wirklich gelesen hatten, für die Bildung keine Lebenslaufzeile war, sondern ein Klima, ohne das sie nicht hätten atmen können, die auf eine eigensinnige, fast störrische Weise liberal und gläubig waren. Die man Krüppel nannte. Denen man darum die Samenleiter durchschnitt.

          Die beiden berühmtesten Zeilen aus Hölderlins Hymne lauten: „Ein Räthsel ist Reinentsprungenes. Auch / Der Gesang kaum darf es enthüllen.“ Ich lese sie so: Heimat ist das, was nie ganz ist. Was fehlt. Was hätte sein können. Was sich nur rein und ursprünglich vorstellen lässt, gerade weil es genau das nicht ist, und das uns darum ein Rätsel bleiben wird, das wir niemals lösen, aber auch nie aus der Hand legen werden.

          Hätte Goethe doch nur 150 Jahre später gelebt!

          Das Heimatgefühl sucht sich verschlungene Pfade, auf denen keiner dem anderen folgen muss. Meines zum Beispiel will immer zurück in die DDR, in ein untergegangenes Land, das ich kaum kannte. Zu einer Missgeburt der Weltgeschichte. Aber auch die kann Heimat sein. Durch dieses Land, das er selbst nicht liebte, schlich der krumme Martin, den seine Familie Bind nannte, alle paar Tage, eine Zigarre rauchend, und wenn er das getan hatte, dann notierte er abends in seinen Taschenkalender „BD5R“, was bedeutet: „Bind dampfte durch die DDR.“ Mit der kurzen Passage, die in diesem Akt etwas zur Sprache bringt, das für ihn Heimat ist, möchte der Heimatdichter schließen.

          „Wenn nun Bind durch dieses dem Untergang geweihte Land dampfte, dann kam auch da Gleiches zu Gleichem. Vollkommen entsprach das gemächliche Tempo seines Gangs der Unscheinbarkeit, ja der vordergründigen Hässlichkeit des Wegstücks, das seine Reize nur dem aufmerksamen Betrachter enthüllte. Denn was tat der Rauch anderes, als ebendiese zarten Reize nach Kräften zu fördern? Kaum hatte der Gaumen die Geschmacksstoffe des Tabaks aufgenommen und das Nikotin in die Blutbahn befördert, da trat der ins Freie entlassene Rest schon dem unverwechselbaren Gasgemisch bei, das nur der Konvention halber auch in der DDR weiterhin Luft genannt wurde.

          Dabei hätte es eine eigene Bezeichnung verdient, einen Namen, der seine Stärken betonte. Und die lagen nun mal nicht im Sauerstofftransport, sondern auf dem Gebiet der dioptrischen Lichtwirkungen. Hätte Goethe doch nur 150 Jahre später in Sachsen-Weimar gelebt! Der den ,trüben Mitteln‘ gewidmete Abschnitt seiner Farbenlehre wäre wohl noch bunter ausgefallen. Denn welch hohe Meinung hatte dieser Augenmensch vom Dunst.“

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