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Deutschland als Heimat : Wir Dichter und Kicker unter uns

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Mögen es die deutschen Fußballer (hier Jérôme Boateng) beim Mitsingen der Nationalhymne doch halten, wie sie wollen. Bild: firo Sportphoto

Einige Spieler werden bei der Europameisterschaft im Stadion die Nationalhymne nicht mitsingen. Na und? Was uns als Heimat gilt, das speist sich doch aus ganz anderen Quellen. Ein Gastbeitrag.

          Angeblich existiert in Indien ein Mädchenname, der übersetzt bedeutet: Sollte ein Junge werden. Das mag stimmen oder nicht, jedenfalls könnte in diesem Sinne mein sogenannter Roman heißen: Sollte ein Sachbuch werden. Doch wie Eltern ihre Kinder, so dürfen ja auch Autoren ihre Bücher nicht einfach nennen, wie es ihnen gerade passt. „Sollte ein Junge werden“ darf ein Mädchen hierzulande nicht heißen, genauso wenig wie „Eintracht Frankfurt“ oder „Applepie Thunderstorm“. In der Welt der Bücher sind es die Marketingexperten, die Kritiker und die Literaturwissenschaftler, die über die Zulässigkeit von Namen wachen.

          Von diesen Experten musste sich der Autor in den letzten Jahren manche Gattungsbezeichnung für ein Buch anhören, das er selbst am liebsten nur mit seinem Titel in die Welt geschickt hätte. Ich habe der Etikettierungswut, ehrlich gesagt, mehr oder weniger teilnahmslos zugesehen, bis kürzlich eine Germanistin dem Kind einen Namen gab, der mich wie ein Blitz durchfuhr. Was ich da verfasst hätte, teilte sie dem Publikum mit, das sei ein Heimatroman. Wie dankbar war ich dieser Dame! Und was hätte ich darum gegeben, darauf zur rechten Zeit selbst gekommen zu sein.

          Ein Erbe der Spätromantik

          Ich will das erläutern und dazu zwei entfernte Ereignisse miteinander verbinden. Vor wenigen Tagen hielt ich in der Kunsthalle Osnabrück einen Festvortrag, der dem Thema „Landschaft“ gewidmet war. Das ist das eine Ereignis. Das andere findet heute Abend statt. Da werden in einem Fußballstadion in Frankreich Mesut, Sami und Jérôme mit aller Macht ihr Tor, das Tor der deutschen Mannschaft, manche werden sagen: unser Tor, gegen Angriffe einer Mannschaft verteidigen, die, was immer sie sonst sein mag, eines mit Sicherheit nicht ist: nämlich deutsch, um dann mit ebensolcher Macht deren Tor, das der Nichtdeutschen, zu beschießen.

          Beide Ereignisse haben mit dem zu tun, was wir Heimat nennen. Landschaft ist ein Stück Natur, zu dem Menschen eine Beziehung aufgebaut haben, ja das es - anders als Molekülketten und Gammastrahlen - ohne Menschen gar nicht gäbe. Landschaft verändert sich daher; nicht nur durch den Menschen, sondern auch mit ihm. Wo Petrarca meinte, im Anblick, den er vom Gipfel des Mont Ventoux aus genoss, sich selbst wie in einem Spiegel zu erkennen, da meinte Hegel den Weltgeist vor thüringischen Bergen wie auf einer Bühne reiten zu sehen; und wenn wir heute meinen, in piniengesäumten Hügeln das Gesicht Italiens, in schroffen Fjordabhängen das Norwegens oder in einer bewaldeten Burgruine das Deutschlands zu erkennen, dann ist das ein Erbe der Spätromantik, wenn nicht gar völkischer Weltanschauung. Was immer uns aber als Physiognomie der Heimat gelten mag, es käme zur Not auch ohne Worte aus.

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