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Per Leo und Erinnerungskultur : Die Unschuld wird immer größer

Zwischen den Stelen des Berliner Holocaust-Mahnmals Bild: Daniel Pilar

Unsere Gedenkkultur ist selbstgefällig und hohl: über Per Leos neues Buch „Tränen ohne Trauer“ und den Hang der Deutschen, sich mit den eigenen Opfern zu verwechseln.

          6 Min.

          Worum geht es eigentlich beim neuen Historikerstreit, dessen Winkelzüge das Publikum in den Zeitungen, im Radio und im Internet verfolgen kann? Und dessen Heftigkeit und scharfer Ton doch jedem, der nur als Gelegenheitsleser oder Zufallshörer damit konfrontiert wird, unverständlich erscheinen muss.

          Claudius Seidl
          Redakteur im Feuilleton.

          Geht es um Kritik am deutschen Gedenken und Erinnern, welche (wie der australische Genozidforscher Dirk Moses schreibt) sich nach einem Katechismus richteten, einer Sammlung von Glaubensregeln also, deren wichtigste die sei, dass der Holocaust als singuläres und nicht vergleichbares Menschheitsverbrechen zu betrachten sei, weshalb jede Kontextualisierung, jede Historisierung sich verbiete? Und die politisch darauf hinauslaufe, dass die Deutschen, als das Volk der Täter, zur unumstößlichen Loyalität mit dem Staat Israel verpflichtet seien, auch wenn dieser die Palästinenser noch so übel knechte? Zudem verstelle dieser deutsche Katechismus den Blick auf die Verbrechen des Kolonialismus, die doch erst den Gesamtzusammenhang formten, in dem auch der Holocaust betrachtet werden müsse.

          Oder geht es, wie die Gegenseite unterstellt, vor allem darum, dass die Linke jetzt versucht, was den Konservativen im ersten Historikerstreit nicht gelungen sei: den Holocaust zu relativieren und als ein Verbrechen unter vielen zu deuten, nur ein Kapitel in der langen Verbrechensgeschichte des Westens, mit der Folge, dass die deutsche Schuld nicht mehr so schwer wöge und die deutsche Verpflichtung gegenüber Israel an Verbindlichkeit verlöre, ja dass man generell den Staat Israel nicht mehr als Zufluchtsort und potentiell letzte, mit allen Mitteln zu verteidigende Bastion des jüdischen Volks behandeln müsste? Sondern als Siedlungskolonie weißer Menschen und als Unterdrücker und Kolonisator des palästinensischen Volks?

          Wer darf jetzt wieder aufrecht gehen?

          Der Schriftsteller und Historiker Per Leo hat in seinem neuen Buch „Tränen ohne Trauer“ (Klett-Cotta, 20 Euro), das mehr Essay als historisch-politisches Sachbuch und doch mit vielen Fußnoten ge­erdet ist (und das man immer wieder gegen die Intentionen seines Autors lesen darf), ein paar überraschende Antworten gegeben, unter denen womöglich die brauchbarste, die politisch dringlichste und lebensnächste die ist, dass all das Gedenken und Erinnern, die schönen Kränze und die ernsten Mienen vor monumentalen Mahnmalen so oft so hohl, falsch, verlogen sind, dass womöglich genau darin das größte Verdienst dieses Historikerstreits bestehen könnte: dass nämlich die, die sich gegen die Relativierung und Postkolonialisierung wehren, ihre eigenen Rituale, Sprechweisen und Ergriffenheitsgesten dringend überdenken sollten.

          Singularität ist ein Begriff, der in der Astronomie schärfer definiert ist (der Ort, an dem sich die Raumzeit ins Un­endliche krümmt) als in der Geschichte der Menschheitsverbrechen, ein abstrakter, unanschaulicher Begriff und, wenn es um die deutschen Verbrechen geht, eine These, die man hundertmal formulieren und wieder zurückweisen kann, ohne dass man dabei viele neue Erkenntnisse gewonnen hätte. Solange jedenfalls, wie man nicht fragt, was da für wen und warum so singulär war.

          Einzigartig war für die Juden die Erfahrung, dass nach mehr als zweitausend Jahren der Verfolgung, des Hasses und der Diskriminierung, zu einer Zeit, da viele hoffen durften, dass die Verhältnisse sich verbesserten, sie sich umstellt sahen von Nachbarn, die beschlossen hatten, das gesamte Volk der Juden auszulöschen. Und die das taten, bis alliierte Armeen das Morden beendeten. Einzigartig war, dass die Deutschen, ein zivilisiertes Volk im zivilisierten Europa, kaum zwei Generationen, nachdem sie endlich zur Nation geworden waren, einen Verbrecher zu ihrem Herrscher wählten und das Regime auch dann noch und mit letzter Kraft verteidigten, als nahezu jeder wissen oder ahnen konnte, wohin die jüdischen Nachbarn verschleppt und was ihnen Ungeheuerliches angetan worden war.

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