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Dumme Identitätsfragen : Abendlandstollen, made in Dresden

Es sind bizarre Identitätskrisen, die Pegida auslöst Bild: AP

Angeblich haben uns erst Migranten gelehrt, was Entfremdung vom eigenen Land ist. Doch schon die Frage, was eine Weißwurst ist, schafft keine Klarheit über kulturelle Identität.

          Es kommt nicht oft vor, dass Tiroler Speck einen Schlüssel zu Kulturfragen bietet. Jetzt ist es geschehen. Das Abendland, heißt es seit Wochen, droht islamisiert zu werden. Tiroler Speck, heißt es soeben, könnte demnächst auch aus Amerika kommen. Einmal geht es um mobile Personen, die europäische Einwanderungspolitik, um Religion und Kultur, das andere Mal um mobile Waren, den transatlantischen Freihandel mit Lebensmitteln, um Markenschutz und Bezeichungspflichten. Doch beide Debatten haben ein gemeinsames Thema. Besser gesagt: Beide leiden an derselben Dummheit. Das gefährlich nichtssagende Wort „Identität“ zeigt sie vielleicht am deutlichsten an.

          Denn es handeln ja erklärtermaßen die Xgida-Demonstrationen in Dresden und andernorts davon, dass manche Bürger ihr Land angeblich nicht mehr wiedererkennen; dass es für sie nicht mehr so aussieht wie noch vor fünfundzwanzig oder vierzig Jahren; dass dies an zu vielen muslimischen Migranten liege, um die sich die Politik mehr kümmere als um die Einheimischen; dass Leuten, die nicht hierherpassten, zu viel Wohlwollen entgegengebracht werde. Es sei dies nicht mehr „ihr Deutschland“, teilen Dresdner Demonstranten mit.

          Die „echte“ Heimat

          Nun, das entscheiden sie natürlich selbst. Doch ein wenig verwundert es schon, dass sie erst der Migranten, die sie meist aus den Medien kennen, bedurften, um eine solche biographische Erfahrung zu machen. Der soziale Protest hat auch nostalgische Motive. Man hätte es gern kulturell homogener, weil man im Gefühl lebt, vor kurzem noch sei die Heimat echt gewesen, die Mark stabil und die Identität intakt. Gefühle haben ihr eigenes politisches Recht. Die Frage ist nur, ob sich zutreffende Gedanken daraus machen lassen.

          Die Erläuterungen von Agrarminister Christian Schmidt (CSU) zum Tiroler Speck stimmen hier skeptisch. Denn war der Speck früher identischer? War es das Bier, der Stollen? In Europa, darauf wies Schmidt hin, sind die regionalen „Identitäten“ von Lebensmitteln seit langem ein Gegenstand komplizierter Agrarpolitik, lobbyistischer Bewirtschaftung und juristischer Definitionen. Deutschland, Frankreich und Dänemark etwa hatten auf das Recht ihrer Produzenten geklagt, Feta-Käse herstellen zu dürfen, und waren 2005 unterlegen. Schon 1987 meinte hingegen der Europäische Gerichtshof, in Deutschland könne auch als „Bier“ gehandelt werden, was nicht nach deutschem Reinheitsgebot hergestellt worden sei. Seit zwanzig Jahren ist jegliche Etikett-Anspielung auf Champagner verboten, wenn Traubensaft aus einer anderen Region abgefüllt wurde – sei es auch solcher aus dem Schweizer Ort Champagne. Dagegen hat es das Bundespatentgericht 2009 abgelehnt, die Bezeichnung „Münchner Weißwurst“ dortigen Metzgern zu reservieren. Der Dresdner Christstollen wiederum muss, einer EU-Verordnung von 2010 zufolge, zumindest im Großraum Dresden nach festgelegten Prozeduren hergestellt worden sein.

          Die Absurdität eines Tiroler Specks

          Dieselbe Nation, die für den Christstollen Markenschutz durchgesetzt hat, hätte ihn also einst gern den Griechen für den Feta abgesprochen. Mal wird eine Tradition geschützt, mal eine andere nicht, mal wird der Kunde als Souverän behandelt, mal als leicht verwirrbares Wesen, dem die Absurdität eines Tiroler Speck „made in USA“ entginge. Mal heißt es: Betrug. Mal freundlicher: Reklame. Mal: Es kommt am Ende doch nur drauf an, was drin ist. Und drin sind selbstverständlich oft im regionalsten Produkt viele Zutaten aus der Ferne. Die Mandel gehört nicht zu Dresden, aber zum Stollen.

          Das führt zurück zu den Migranten. Die ganze Debatte über Identität und Assimilation führt schon deshalb zu nichts, weil es keine kulturell homogenen Nationen gibt und keine vollständig assimilierten Personen. Wer auf Anti-Islam-Demonstrationen Schilder wie „Putin, hilf uns“ hochhält, beweist beispielsweise wenig Wille zur Assimilation an okzidentale Verstandesnormen. Umgekehrt ist muslimischer Glaube allein recht ungeeignet, um über die Bereitschaft zu zivilem Verhalten zu urteilen; so wenig wie römisch-katholischer oder russisch-orthodoxer. Man kann endlose Debatten über die mittelalterliche Blüte des Islams führen, über die Türken vor Wien, Christlichkeit und/oder Aufgeklärtheit Europas, die Grenzen des Abendlands, ob der Islam oder der Atheismus oder Putin zu Deutschland gehört und so weiter. Alles nur Plakate, alles nur Reklame, alles nur Aufschriften. Worte, keine Begriffe.

          Auf die Frage „Wer sind wir?“ bekommt man auf diese Weise ähnlich durchdachte Antworten wie auf die Frage „Was ist Bier eigentlich?“ Und jedes tatsächliche Problem – der Migration, der Agrarwirtschaft, des Sozialstaats oder des Welthandels – verschwindet hinter kulturellen Phrasen, aggressiven oder beschwichtigenden.

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