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Journalismus von morgen : Zeitung wird zum Buchstabenkino

  • -Aktualisiert am

Weiß er etwas mit seinen Zeitungen anzufangen? Patrick Soon Shiong hat sich bislang mit anderen Dingen beschäftigt. Bild: CPP / Polaris /Studio X

Patrick Soon-Shiong verdient sein Geld mit Biotechnologie. Nun hat er „Los Angeles Times“ und „Chicago Tribune“ gekauft. Er will experimentieren. So sollen Leser mit einer Kamera ins Blatt sehen.

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          An Milliardären, die sich in die Medienbranche einkaufen, herrscht in jüngster Zeit kein Mangel: Ebay-Gründer Pierre Omidyar hat mit dem Enthüllungsjournalisten Glenn Greenwald die Rechercheplattform „The Intercept“ gegründet, Amazon-Chef Jeff Bezos übernahm die „Washington Post“ und Alibaba-Boss Jack Ma kaufte die Hongkonger Zeitung „South China Morning Post“. Patrick Soon-Shiong aber hatte niemand auf der Rechnung. Der Biotech-Unternehmer hat für 70,5 Millionen Dollar 12,5 Prozent der Anteile am Verlag Tribune Publishing erworben, der die „Los Angeles Times“ und die „Chicago Tribune“ herausgibt. Der Übernahme war ein Machtkampf zwischen dem geschassten Verlagschef Jack Griffin und dem Großaktionär Michael Ferro vorausgegangen. Letzterer fädelte den Deal mit Soon-Shiong ein.

          Mit mehreren Pharmaunternehmen hat der chinesischstämmige Chirurg ein vom Magazin „Forbes“ auf knapp zwölf Milliarden Dollar geschätztes Vermögen aufgebaut. Die Eigentümerverhältnisse seiner Firmen sind obskur, das Bioinformatik-Start-up Nant Health erhielt etwa 250 Millionen Dollar Kapital von der Regierung Kuweits. 1993 machte Soon-Shiong Schlagzeilen, als er die erste Transplantation insulinproduzierender Pankreaszellen an einem Diabetes-Patienten vornahm. Forscher stellten das Verfahren in Frage. Seitdem haftete Soon-Shiong das Image eines windigen Gurus an. Seiner Experimentierfreude hat das keinen Abbruch getan.

          Text soll zum bewegten Bild werden

          Mit den Zeitungen „Los Angeles Times“ und „Chicago Tribune“, deren Auflagen seit Jahren sinken, hat der Chirurg gewissermaßen eine Operation am offenen Herzen vor. Er will die Zeitungen zu einem Technologie-Hub umformen. Als Erstes wurde die seit 168 Jahren bestehende „Chicago Tribune“ in „Tronc“ umbenannt, kurz für „Tribune online content“. Der eher drollig wirkende neue Markenname wurde von der Twitter-Community verspottet. Doch neben der Umbenennung gibt es auch substantielle Veränderungen. Tribune Publishing kündigte an, dass der Verlag mit Hilfe einer künstlichen Intelligenz-Software zweitausend Videos pro Tag produzieren wolle. Details wurden noch nicht veröffentlicht, doch Soon-Shiong sagte, dass er mit Hilfe einer Kameratechnologie, die eine seiner Biotech-Firmen entwickele, die Lesegewohnheiten von Zeitungskunden verändern wolle.

          Patrick Soon Shiong ist bei technologischen Entwicklungen kein Anfänger. 2013 entwickelte seine Firma Nant Works die App „Dream Play“.

          Zum Beispiel könnten Leser dann mit einer Kamera über die gedruckte Zeitung schwenken, und die Fotos würden sich in ein Video verwandeln. Wenn man etwa auf ein Bild des Basketball-Stars Kevin Durant oder von Donald Trump zoome, könne man Durant in Aktion sehen oder Trump bei einer Rede. „Man erweckt zum Leben, was auch immer man in der Zeitung sieht“, fasst Soon-Shiong seine Vorstellung zusammen. „Jede Seite, jedes Bild, jede Anzeige ist eher ein TV-Kanal, der von dem Bild selbst durch maschinelle Bilderkennung aktiviert wird.“ Künstliche Intelligenz soll Papier in ein persönliches Fernsehprogramm verwandeln. Das soll der Zeitungsbranche neues Leben einhauchen.

          Das klingt nach einer Idee ganz aus dem technikbegeisterten Kalifornien. Doch Experten treten auf die Euphoriebremse. Ken Doctor vom Nieman Journalism Lab erinnert Soon-Shiongs Plan an den Barcodescanner „Cue Cat“, ein mausähnliches Gerät, mit dem der Nutzer auf eine Internetadresse weitergeleitet wurde – und das vom „Time Magazine“ zu einer der fünfzig schlechtesten Erfindungen der Geschichte erklärt wurde. Virtuelle Realität und künstliche Intelligenz würden zwar Einzug in den Journalismus halten, glaubt Doctor, aber schrittweise, nicht in großen Sprüngen, wie sie Soon-Shiong nun tun wolle. Vor allem bleibe die Frage unbeantwortet, wie man mit der Kameratechnologie die wirtschaftlichen Probleme der Zeitungen löst. Will Soon-Shiong den Journalismus wirklich revolutionieren oder Zeitungen nur als Experimentierfeld für seine Biotech-Unternehmungen nutzen?

          Durchdachter erscheint da schon eher, was in Südkorea entwickelt wird. Samsung will noch in diesem Jahr Smartphones und Tablets mit biegsamem Display auf den Markt bringen. Das könnte den Weg ebnen für Oberflächen, mit denen sich die digitalen Ausgaben von Zeitungen lesen und zusammenfalten lassen, als wären sie aus Papier. Soon-Shiong steht in direktem Wettbewerb zu Jeff Bezos, der die „Washington Post“ mit mehreren Dutzend Datenspezialisten und algorithmischen Weiterempfehlungsmaschinen fit fürs Digitalzeitalter machen will. Demgegenüber wirkt Soon-Shiongs Vorhaben noch wie ein Rezept aus der Alchemistenküche. Das Wort Journalismus kommt in der Pressemitteilung, in der er sich über sein Vorhaben äußert, übrigens nicht vor.

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