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Pharma-Industrie und Forschung : Wer bezahlt die rettende Idee?

  • -Aktualisiert am

Eine Labortechnikerin bei der Erforschung des Coronavirus beim Johnson&Johnson-Tochtergesellschaft Janssen Pharmaceutical im belgischen Beerse. Bild: AP

Profitdenken treibt die Pharmaforschung an. Der Zeitdruck ist groß, das Verlustrisiko ebenfalls. Dieser ökonomische Rahmen wirkt sich auf die Innovationskraft der Branche aus. Ein Gastbeitrag.

          4 Min.

          Gewinne aus Patenten sind in der vorhandenen Gesellschaft der wirtschaftliche Hauptanreiz für Innovationsarbeit, im Pharmasektor also der Profit fürs Pharma-Unternehmen. Weil hier das Leben vieler auf dem Spiel steht, ist der Prozess von der Erfindung über die Tests bis zum Produkt langwierig und kompliziert. Aus Millionen möglicher Moleküle werden vielversprechende Kandidaten für Medikamente ausgesucht, dann in präklinischen Tests an Tieren erprobt und in klinischen an Menschen. Von der Entdeckung bis zur Zulassung können zehn bis fünfzehn Jahre vergehen, die das Unternehmen unterwegs zwischen dreihundertfünfzig Millionen und fünfeinhalb Milliarden Dollar kosten. Der Patentschutz erlischt nach zwanzig Jahren. Für das Hereinholen der Entwicklungskosten und den Profit bleiben also zwischen fünf und zehn Jahren, bevor die Konkurrenz dasselbe Produkt billiger anbieten darf. Fehlschläge müssen dabei mit ausgeglichen werden.

          Weil die Risiken und Kosten unter Zeitdruck so hoch sind, haben viele Pharmafirmen, kaum bemerkt von der Öffentlichkeit, einen großen Teil ihrer Forschung in aussichtsreichere Investitionsgebiete verschoben: Anstatt neue Moleküle entdecken zu wollen, bauen sie aus schon vorhandenen Pharmaka neue Produkte. Das kann so aussehen, dass sie das Produkt anders „formulieren“, etwa eine Kristallstruktur variieren, ein Salz, eine Flüssigkeit oder ein Spray daraus machen oder die Zusammensetzung respektive das Maßverhältnis von Bestandteilen verändern, vielleicht auch nur die Dosis, wodurch sich etwa die neben den unerwünschten auch möglichen erwünschten Nebenwirkungen feinjustieren lassen. Dieser Forschung nennt man heute „incremental research“, etwas wie „Forschung der kleinen Schritte“ also, und sie erbringt mitunter echte Gebrauchswerte, indem sie etwa dafür sorgt, dass ein gegebener Stoff sein volles Potential als Wirkmittel entfalten kann.

          Kleine Schrittchen sind nicht genug

          Das seit einiger Zeit zunehmende Vorkommen von „incremental research“ in der Pharma-Industrie wird beachtet: In einer kritischen Studie zeigte sich, dass unter den 1032 Medikamenten, die in Frankreich zwischen 2005 und 2014 zugelassen wurden, nur 11 echte Neuheiten waren. Kritik daran stellt fest, dass derlei oft nur darauf abzielt, die Patente der Konkurrenz durch etwas zu knacken, das man im Gegensatz zu echten Neuheiten etwa „legale Neuheiten“ nennen könnte, weil sie meist gerade noch verschieden genug von den zugrundeliegenden Erzeugnissen sind, dass sich nach Gesetzeslage die Vergabe eines neuen Patents rechtfertigen lässt. Wie hoch ist nun der Patentattacken-Anteil beim „incremental research“?

          Pessimistische Schätzungen halten ihn für hoch: Die Mehrzahl der „neuen“ Medikamente beispielsweise, die 2014 in Frankreich zugelassen wurden, waren nicht besser, teils sogar schlechter als bereits vorhandene Alternativen. Selbst von einem optimistischen Standpunkt aus jedoch, der annehmen möchte, es gäbe gar keine Patentattacken und Angriffe auf Marktnischen der Konkurrenz und „incremental research“ würde stets etwas der Gesundheit Zuträgliches und Neues hervorbringen, muss klar sein, dass eine Pharmaforschung, die nichts als „incremental resarch“ wäre, den gesellschaftlichen Anforderungen an die Branche nicht genügt, weil man zum Beispiel kein Heilmittel für ein gegenwärtig noch überhaupt nicht der Behandlung zugängliches Leiden findet, indem man ausschließlich bereits vorhandene medizinische Strategien verfeinert. Den geschilderten Entwicklungen zum Trotz gibt es immer noch echte Entdeckungen in diesem Zweig der an die Wirtschaft gebundenen Wissenschaft. Man denke nur an HIV, das dank neuer Medikamente heute keine tödliche Krankheit mehr bedeutet, sondern eine (allerdings chronische) Lebensbeeinträchtigung.

          Immuntherapie ist vielfältig erfolgreich, Gentherapie hilft bei ernsten, oft tödlichen genetischen Erkrankungen, antivirale, biotechnische Präparate haben sowohl bei Ebola wie bei den neuen Coronaviren einiges erreicht. Viele Hoffnungen knüpfen sich auch an Präparate für die Impfung, die auf den Entdeckungen von Karikó und Weismann von der University of Pennsylvania beruhen. Diese mRNA-Impfstoffe könnten eine neue Ära der Vakzinologie eröffnen und stellen vielleicht den Schlüssel im Kampf gegen Tollwut, das Zikavirus, aggressive Influenzavarianten und verschiedene Typen von Krebs dar.

          Klarstellen, für wen man forscht

          Gegenwärtig sind die Pharmafirmen mit all ihren hochproblematischen Eigenschaften so etwas wie ein Bestandteil des gesamtgesellschaftlichen Immunsystems. Neuentwicklungen wie der Biontech-Impfstoff gegen das neuartige Coronavirus verdienen nicht nur ihrer sozialen Nützlichkeit wegen, sondern auch als Symbole für die Stärke und Beweglichkeit der Menschengattung und ihres Geistes höchste Wertschätzung. Wenn es die Pharmafirmen sind, durch die derlei in die Welt kommt, muss dafür gesorgt sein, dass sie dazu motiviert bleiben, und erschwert, dass sie nach Belieben davon abfallen, weshalb auch Regularien nötig sind (siehe F.A.Z. vom 12. März. 2020). Über die korrekte Behandlung der betreffenden Ressourcen findet bereits eine lange und komplexe Debatte in der Fachliteratur statt. Aufgrund der Tatsache, dass die Entwicklung vieler neuer Produkte – auch der Biontech/Pfizer-Impfstoff – in akademischer Forschung wurzeln, gibt es die Expertenmeinung, dass man zum Beispiel Werbeausgaben pharmazeutischer Firmen besteuern und den Erlös in die akademische Wissenschaft leiten sollte.

          Von einem Konsens in diesen Fragen ist man weit entfernt, aber vielleicht schafft die Pandemie Gelegenheit, diese Angelegenheiten öffentlich und gründlich zu diskutieren. Klar bleibt, dass es eine Belohnung für Leute geben muss, die Neues finden, das Menschen helfen wird. So selbstverständlich ist das keineswegs: Biontech etwa hatte letztes Jahr ein Defizit, der hohen Bundesförderung zum Trotz. Derzeit diskutiert man vor allem die Ausweitung der Impfstoffproduktion. Wenn es nur einen Immunschutz auf begrenzte Zeit gibt, müssen möglichst viele Menschen in kurzer Zeit geimpft werden.

          Das kann heißen, dass mehr als eine Firma die Impfstoffe produzieren können muss, wenn man alle Kapazitäten nutzen will. Hier wird man ökonomische Negativeffekte für diejenigen, die das Produkt entwickelt haben, natürlich vermeiden wollen, nicht zuletzt des Abschreckungseffekts wegen. Dass die Anstrengungen der Firmen in noch größerem Ausmaß in ökonomisch berechenbare, risikoärmere „incremental research“ investiert werden, kann kaum erwünscht sein.

          Das Entscheidende bleibt der Schwerpunkt auf dem gesellschaftlichen Gebrauchswert, denn viel ist zu tun: Viele Krebsformen sind derzeit unangreifbar, gewisse Autoimmunkrankheiten ebenso, es gibt Bakterienarten, die gegen nahezu alle genutzten Antibiotika resistent sind, und es gibt keine verfügbare Heilung noch auch nur eine sichere Vorsorgestrategie wider die Alzheimersche oder die Parkinsonsche Krankheit.

          Der Autor forscht am Insti­tut für Physi­ka­li­sche und Theo­re­ti­sche Chemie der Univer­si­tät Bonn.

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