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Entmündigung von Patienten : Wer hilft mir in meinem Wahn?

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Szene aus dem Film „Black Swan“, in dem eine Tänzerin unter Schizophrenie leidet Bild: Allstar/Fox Searchlight Pictures

Eine Zwangsbehandlung ist entwürdigend, schmerzhaft, traumatisch – und notwendig. Daher sollte sie mit Einfühlung und Respekt geschehen. Ein Schizophrenie-Patient berichtet von seiner Odyssee durch die Kliniken.

          5 Min.

          Die Krankheit entwickelte sich schleichend seit Anfang der neunziger Jahre. Die Gesichter auf der Straße belebten sich, die Menschen schienen über mich Bescheid zu wissen. Dann waren Mikrofone in meinem Psychotherapiezimmer. Am Ende waren sie auch in meiner Wohnung. Dann endlich, eines Nachts, kam der psychische Zusammenbruch. Das war 1994.

          Die Behandlung in der örtlichen Klinik, in die mich ein Notarzt und die Polizei brachten, war brutal, eine Vergewaltigung. Kein Arzt klärte mich über meine Erkrankung und die Behandlung auf, kein einfühlendes Gespräch fand statt. Der behandelnde Chefarzt stürmte nach ein paar Tagen in mein Zimmer und drohte mit einem Gerichtsverfahren und meiner Entmündigung. Ein Mann vom Vormundschaftsgericht kam einige Tage später in die Klinik. Sein Argument: Vor Gericht hätte ich ohnehin kaum eine reale Chance, mir drohe eine längerfristige Entmündigung. Sollte ich „freiwillig“ den Behandlungsvertrag unterzeichnen, wäre der Schaden für mich geringer. So unterschrieb ich und verpflichtete mich auf mindestens sieben Wochen medikamentöser Behandlung in dieser Klinik.

          Die Nebenwirkungen der Neuroleptika waren gewaltig: Gewichtszunahme, Augenakkomodationsstörungen, Sitzunruhe, Müdigkeit. Ich wurde zum haltlosen Raucher und konnte mir erst zehn Jahre später den Tabak wieder mühsam abgewöhnen. Ich bin ein mittelgroßer Mann und wog vor der Behandlung mit den Neuroleptika circa achtzig Kilo. Zwischenzeitlich habe ich mehr als 120 Kilo gewogen. Die Diagnose „paranoide Schizophrenie“ wurde mir nach der Behandlung in der Klinik per Post zugesandt, ohne weitere Erläuterung. Ich war damals 29 Jahre alt. Die Zwangsbehandlung war entwürdigend, körperlich und emotional schmerzhaft und unsinnig, ein schweres Trauma bis heute.

          Ein sehr teurer Kur-Urlaub

          Dennoch muss ich im Nachhinein sagen: Diese Behandlung war notwendig. Wie sie durchgeführt wurde, von mitleid- und wortlosen Psychiatern, autoritär und von oben herab, das war grausam. Doch dass sie notwendig war, daran besteht für mich kein Zweifel mehr. Denn die Diagnose „paranoide Schizophrenie“ war korrekt. Ungefähr ein Prozent der Bevölkerung weltweit erkrankt an Schizophrenie. Der häufigste Typus ist die paranoide Schizophrenie (ICD-10-GM: F 20.0), die mit Wahnvorstellungen, Störungen der Ich-Umwelt-Grenze und oft auch akustischen Halluzinationen (zum Beispiel befehlenden oder kommentierenden Stimmen) einhergeht. Mit dieser Krankheit kann ein Mensch nicht leben, das Leben wird zur Hölle und man selbst für seine Angehörigen und Freunde zu einer unerträglichen Belastung. So gravierend die Nebenwirkungen der Medikamente damals waren, so gravierend die Nebenwirkungen auch der moderneren „atypischen Neuroleptika“ immer noch sind (vor allem die Gewichtszunahme), so sind doch diese Medikamente im Vergleich zur Wahnwitzigkeit der Paranoia selbst ein Segen. Allerdings sind die Nebenwirkungen der Neuroleptika oft so schwer zu ertragen, dass viele Patienten die Dosis zu minimieren oder diese Medikamente gar ganz abzusetzen versuchen. Das ist nicht ohne Risiko, denn oft kommen Symptome wieder.

          Der Fortschritt im Bereich der Neuroleptika hat sich in den vergangenen zwanzig Jahren langsam entwickelt. Ein durchschlagender Erfolg im Bereich der Schizophreniebehandlung war nicht zu vermelden. Auf welches Medikament ein Patient am besten anspricht, ist immer zufällig und nicht berechenbar. Die Verabreichung von Neuroleptika bleibt eine Lotterie; viele müssen vieles ausprobieren, bis sie das richtige finden.

          Den schwersten Rückfall erlitt ich 2010. Schon seit 2007 hatte sich die Paranoia bei mir schleichend zurückgemeldet und schob sich immer weiter in den Vordergrund. Ende 2010 manifestierte sie sich offen, und in meinem Wahn war ich nicht bereit, mich mit den notwendigen höheren Dosen von Neuroleptika behandeln zu lassen. Ich wurde damals in eine andere Klinik eingewiesen, doch die Behandlung durch den dortigen Chefarzt war zögerlich und letztlich erfolglos. 2012 kam ich ein zweites Mal in dieselbe Klinik, diesmal unternahm der Chefarzt noch weniger. Ich verbrachte mehr als fünf Monate einen für meine Krankenkasse teuren Kur-Urlaub in einer psychiatrischen Klinik, ohne die notwendigen höheren Dosen von Neuroleptika zu erhalten. Meine Eltern waren mit dem Chefarzt in Kontakt, deshalb weiß ich heute, was damals das Problem war: Die Rechtssprechung in Deutschland zur Zwangsbehandlung psychiatrischer Patienten hatte sich geändert.

          Die Flucht vor dem Wahn

          Einer Zwangsbehandlung sind 2011 in Deutschland seitens des Bundesverfassungsgerichts und 2012 auch seitens des Bundesgerichtshofs hohe Hürden gesetzt worden. Fälle wie Gustl Mollath, der offensichtlich zu Unrecht jahrelang in einer geschlossenen psychiatrischen Abteilung einsaß, haben die Öffentlichkeit verschreckt und wohl auch viele Richter alarmiert. Der Chefarzt konnte in meinem Fall von 2012 also nicht mit richterlicher Rückendeckung vorgehen, ich selbst war von einer Krankheitseinsicht weit entfernt. So unterblieb bei mir die Verabreichung höherer Neuroleptika-Dosen.

          Im Winter 2011/2012 hatte ich in meinem Wahn eine zehntägige Irrfahrt durch Europa und nach New York hingelegt. Im Winter 2013/2014 sollte es noch dicker kommen: Diesmal flog ich nach San Francisco und blieb für mehr als drei Monate in Amerika. Meine Eltern und mein Bruder mussten mir das Geld hinterherüberweisen, um Schlimmeres zu verhüten, und ich irrte von San Francisco aus in Greyhoundbussen kreuz und quer durchs Land, bis ich schließlich über Kanada und Japan wieder in London landete. Danach fuhr ich in Europa hin und her, bis ich mich im Frühsommer 2014 aus Verzweiflung in einer spanischen Provinzstadt selbst in eine psychiatrische Klinik einwies, erschöpft von den Symptomen meines Wahns und der monatelangen Flucht.

          Dort endlich geschah das Notwendige: Der leitende Psychiater, ein netter und verständiger Oberarzt, redete mit mir und verschaffte sich von einem örtlichen Richter (der auch in der Klinik erschien und ein Gespräch im Beisein dieses Psychiaters mit mir führte) eine Verfügung. Dieser spanische Oberarzt teilte mir in mitfühlenden Worten mit, dass er mich mit dieser schweren Krankheit nicht weiterziehen lassen wolle und könne. Ohne Brutalität, sondern auf freundliche Weise stellte er mich mit Verweis auf die richterliche Verfügung vor die Alternative einer längerfristigen Behandlung in einer örtlichen Klinik oder der Einnahme des obengenannten Depotmedikaments. Ich entschied mich für das Depotmedikament, und schon eine Woche nach dessen Einnahme war der paranoide Spuk vorbei, und ich erkannte, dass ich fast vier Jahre lang das Opfer meiner trügerischen und tückischen Erkrankung namens „paranoide Schizophrenie“ gewesen war.

          Zwanghaft beendeter Spuk

          Auf meiner Flucht nach Amerika gab es gefährliche Situationen. Manchmal hatte ich nicht genug Geld, also irrte ich nachts durch New York, anderswo übernachtete ich in irgendwelchen Vorgärten. Hätte die Polizei mich aufgegriffen, wäre ich in einer der harten und sicher alles andere als lustigen amerikanischen psychiatrischen Kliniken gelandet. Wer hätte dann für die Behandlung bezahlt?

          Zweimal stand ich an der mexikanischen Grenze und dachte über einen Grenzübertritt nach. Gott sei Dank tat ich es nicht. In Mexiko herrscht ein Drogenkrieg zwischen mörderischen Kartellen. Ein psychisch kranker, verwirrter Tourist, der im dortigen Grenzgebiet herumirrt, mit nur ein paar Dollar in der Tasche, hätte tot enden können; zumindest wäre ich wohl bald ausgeraubt worden.

          Meine Eltern und mein Bruder waren in diesen fast vier Jahren oft der Verzweiflung nahe. Meine Flucht durch die Vereinigten Staaten, Kanada und Japan raubte ihnen für mehr als drei Monate jede Ruhe und jeden Schlaf. Und alles nur, weil in meiner deutschen Heimatstadt den Psychiatern die Hände in meinem Fall gebunden waren und sie sich nicht trauten, mir gegen meinen Willen und ohne richterliche Rückendeckung die notwendigen höheren Dosen von Neuroleptika zu verabreichen.

          Deutsche Richter räumen derzeit dem freien Willen der Patienten sehr große Bedeutung ein und haben vor eine psychiatrische Zwangsbehandlung sehr hohe Hürden gesetzt. Nicht bedacht haben diese Richter vielleicht, dass ein Paranoiker keinen freien Willen hat, sondern im Banne seiner Erkrankung steht, die ihn daran hindert, die Realität zu erkennen. Ein Paranoiker nimmt die Wirklichkeit nur verzerrt wahr, und sein Denken und Fühlen werden von Verfolgungswahn beherrscht.

          Zu den Rechten der Patienten sollte eigentlich auch das Recht gehören, durch die zuständigen Richter und Psychiater von den Symptomen einer tückischen Geisteskrankheit wie der paranoiden Schizophrenie befreit zu werden. Eine Zwangsbehandlung kann für einen Paranoiker, der im Gefängnis seines Wahns lebt, ein Segen sein, wenn sie mit Einfühlungsvermögen und Respekt angeordnet wird – so, wie ich es im Frühsommer 2014 in jener spanischen Provinzklinik erlebt habe. Gut war auch, dass meine Familie in die dortige Behandlung stets miteinbezogen wurde. Dem spanischen Oberarzt, der mich auf so kluge und umsichtige Weise von meinem Wahn befreite, bin ich sehr dankbar, und ich stehe noch jetzt mit ihm in regelmäßigem E-Mail-Kontakt.

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