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Entmündigung von Patienten : Wer hilft mir in meinem Wahn?

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Dort endlich geschah das Notwendige: Der leitende Psychiater, ein netter und verständiger Oberarzt, redete mit mir und verschaffte sich von einem örtlichen Richter (der auch in der Klinik erschien und ein Gespräch im Beisein dieses Psychiaters mit mir führte) eine Verfügung. Dieser spanische Oberarzt teilte mir in mitfühlenden Worten mit, dass er mich mit dieser schweren Krankheit nicht weiterziehen lassen wolle und könne. Ohne Brutalität, sondern auf freundliche Weise stellte er mich mit Verweis auf die richterliche Verfügung vor die Alternative einer längerfristigen Behandlung in einer örtlichen Klinik oder der Einnahme des obengenannten Depotmedikaments. Ich entschied mich für das Depotmedikament, und schon eine Woche nach dessen Einnahme war der paranoide Spuk vorbei, und ich erkannte, dass ich fast vier Jahre lang das Opfer meiner trügerischen und tückischen Erkrankung namens „paranoide Schizophrenie“ gewesen war.

Zwanghaft beendeter Spuk

Auf meiner Flucht nach Amerika gab es gefährliche Situationen. Manchmal hatte ich nicht genug Geld, also irrte ich nachts durch New York, anderswo übernachtete ich in irgendwelchen Vorgärten. Hätte die Polizei mich aufgegriffen, wäre ich in einer der harten und sicher alles andere als lustigen amerikanischen psychiatrischen Kliniken gelandet. Wer hätte dann für die Behandlung bezahlt?

Zweimal stand ich an der mexikanischen Grenze und dachte über einen Grenzübertritt nach. Gott sei Dank tat ich es nicht. In Mexiko herrscht ein Drogenkrieg zwischen mörderischen Kartellen. Ein psychisch kranker, verwirrter Tourist, der im dortigen Grenzgebiet herumirrt, mit nur ein paar Dollar in der Tasche, hätte tot enden können; zumindest wäre ich wohl bald ausgeraubt worden.

Meine Eltern und mein Bruder waren in diesen fast vier Jahren oft der Verzweiflung nahe. Meine Flucht durch die Vereinigten Staaten, Kanada und Japan raubte ihnen für mehr als drei Monate jede Ruhe und jeden Schlaf. Und alles nur, weil in meiner deutschen Heimatstadt den Psychiatern die Hände in meinem Fall gebunden waren und sie sich nicht trauten, mir gegen meinen Willen und ohne richterliche Rückendeckung die notwendigen höheren Dosen von Neuroleptika zu verabreichen.

Deutsche Richter räumen derzeit dem freien Willen der Patienten sehr große Bedeutung ein und haben vor eine psychiatrische Zwangsbehandlung sehr hohe Hürden gesetzt. Nicht bedacht haben diese Richter vielleicht, dass ein Paranoiker keinen freien Willen hat, sondern im Banne seiner Erkrankung steht, die ihn daran hindert, die Realität zu erkennen. Ein Paranoiker nimmt die Wirklichkeit nur verzerrt wahr, und sein Denken und Fühlen werden von Verfolgungswahn beherrscht.

Zu den Rechten der Patienten sollte eigentlich auch das Recht gehören, durch die zuständigen Richter und Psychiater von den Symptomen einer tückischen Geisteskrankheit wie der paranoiden Schizophrenie befreit zu werden. Eine Zwangsbehandlung kann für einen Paranoiker, der im Gefängnis seines Wahns lebt, ein Segen sein, wenn sie mit Einfühlungsvermögen und Respekt angeordnet wird – so, wie ich es im Frühsommer 2014 in jener spanischen Provinzklinik erlebt habe. Gut war auch, dass meine Familie in die dortige Behandlung stets miteinbezogen wurde. Dem spanischen Oberarzt, der mich auf so kluge und umsichtige Weise von meinem Wahn befreite, bin ich sehr dankbar, und ich stehe noch jetzt mit ihm in regelmäßigem E-Mail-Kontakt.

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