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Entmündigung von Patienten : Wer hilft mir in meinem Wahn?

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Der Fortschritt im Bereich der Neuroleptika hat sich in den vergangenen zwanzig Jahren langsam entwickelt. Ein durchschlagender Erfolg im Bereich der Schizophreniebehandlung war nicht zu vermelden. Auf welches Medikament ein Patient am besten anspricht, ist immer zufällig und nicht berechenbar. Die Verabreichung von Neuroleptika bleibt eine Lotterie; viele müssen vieles ausprobieren, bis sie das richtige finden.

Den schwersten Rückfall erlitt ich 2010. Schon seit 2007 hatte sich die Paranoia bei mir schleichend zurückgemeldet und schob sich immer weiter in den Vordergrund. Ende 2010 manifestierte sie sich offen, und in meinem Wahn war ich nicht bereit, mich mit den notwendigen höheren Dosen von Neuroleptika behandeln zu lassen. Ich wurde damals in eine andere Klinik eingewiesen, doch die Behandlung durch den dortigen Chefarzt war zögerlich und letztlich erfolglos. 2012 kam ich ein zweites Mal in dieselbe Klinik, diesmal unternahm der Chefarzt noch weniger. Ich verbrachte mehr als fünf Monate einen für meine Krankenkasse teuren Kur-Urlaub in einer psychiatrischen Klinik, ohne die notwendigen höheren Dosen von Neuroleptika zu erhalten. Meine Eltern waren mit dem Chefarzt in Kontakt, deshalb weiß ich heute, was damals das Problem war: Die Rechtssprechung in Deutschland zur Zwangsbehandlung psychiatrischer Patienten hatte sich geändert.

Die Flucht vor dem Wahn

Einer Zwangsbehandlung sind 2011 in Deutschland seitens des Bundesverfassungsgerichts und 2012 auch seitens des Bundesgerichtshofs hohe Hürden gesetzt worden. Fälle wie Gustl Mollath, der offensichtlich zu Unrecht jahrelang in einer geschlossenen psychiatrischen Abteilung einsaß, haben die Öffentlichkeit verschreckt und wohl auch viele Richter alarmiert. Der Chefarzt konnte in meinem Fall von 2012 also nicht mit richterlicher Rückendeckung vorgehen, ich selbst war von einer Krankheitseinsicht weit entfernt. So unterblieb bei mir die Verabreichung höherer Neuroleptika-Dosen.

Im Winter 2011/2012 hatte ich in meinem Wahn eine zehntägige Irrfahrt durch Europa und nach New York hingelegt. Im Winter 2013/2014 sollte es noch dicker kommen: Diesmal flog ich nach San Francisco und blieb für mehr als drei Monate in Amerika. Meine Eltern und mein Bruder mussten mir das Geld hinterherüberweisen, um Schlimmeres zu verhüten, und ich irrte von San Francisco aus in Greyhoundbussen kreuz und quer durchs Land, bis ich schließlich über Kanada und Japan wieder in London landete. Danach fuhr ich in Europa hin und her, bis ich mich im Frühsommer 2014 aus Verzweiflung in einer spanischen Provinzstadt selbst in eine psychiatrische Klinik einwies, erschöpft von den Symptomen meines Wahns und der monatelangen Flucht.

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