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Patchwork-Beziehungen : Das geheuchelte Familienglück

Ist Patchwork wirklich das Familienmodell der Zukunft? Auf jeden Fall passt es in unsere Unverbindlichkeitswelt. Doch unsere Selbstverwirklichungsmanie fordert ihren Preis. Und den zahlen die Kinder.

          5 Min.

          Alle sind glücklich. Denn wir haben ein neues gesellschaftliches Ideal gefunden: die Patchworkfamilie. Das Wort klingt nach Sommerferienlager, und die Fotostrecken in den Zeitschriften zeigen fröhliche Menschen, die sicher im Leben stehen und jedes Problem lösen, bevor es überhaupt da ist. Ihr Motto lautet Leichtigkeit. Die Menschen heißen Demi Moore, Heidi Klum oder Boris Becker, sie heißen Christian und Bettina Wulff. Sie wohnen in Hollywood oder im Schloss Bellevue. Sie rufen uns winkend entgegen: Patchworkfamilien sind super!

          Melanie Mühl
          Redakteurin im Feuilleton.

          „Wir können das Leben nicht einfach wieder dort aufnehmen, wo wir es einmal fallengelassen haben“, schrieb die Schriftstellerin Marion Titze einmal in einem wunderbaren Text in der Literaturzeitschrift „Sinn und Form“. In diesem Satz verbirgt sich die einfache Wahrheit, dass unser Handeln immer Folgen hat. Die Folgen können harmlos sein oder katastrophal. Sicher ist, dass irgendjemand immer den Preis dafür zahlen muss.

          In unserer Unverbindlichkeitswelt ist das ein hässlicher Gedanke. Zu ihren Spielregeln gehört, dass wir unser Leben auch mal fortspülen lassen können wie eine Lehmhütte vom Regen. Denn wir glauben, dass uns Besseres zusteht – ein besserer Beruf oder eine bessere Wohnung, ein Partner, der uns besser erkennt, versteht, unterstützt. Die Liebe darf im bonbonbunten Patchworkidyll nicht Prosa, sie muss Poesie sein und die Familie so unbeschwert wie ein Geburtstagsfest. Bis dass der Tod uns scheidet, hört sich schon lange nicht mehr wie ein Versprechen. Es ist eine Drohung.

          Sie sollten es sich nicht so leicht machen

          Im Grunde betrachten wir unser Leben, als handele es sich um ein Wirtschaftsunternehmen. Das Ziel ist, es ständig zu optimieren. Die wichtigste Frage lautet: Wo setze ich am besten an? Dafür gibt es ein Wort, es heißt Selbstverwirklichungsmanie. Mit Kindern wird das System um uns herum allerdings komplexer, und die McKinsey-Idee funktioniert nicht mehr so gut.

          Die Kinder sind die Opfer der Ich-Optimierung. Das beweisen ein paar einfache Tatsachen, die viele nicht wahrhaben wollen. Zum Beispiel, dass Scheidungskinder später beinahe doppelt so häufig geschieden werden wie Nicht-Scheidungskinder. Dass sie stärker zu Depressionen und Schizophrenie neigen und häufiger kriminell werden. Sie haben Probleme, Nähe aufzubauen und Menschen zu vertrauen. Sie wissen nicht, wie sich Familie anfühlt, sie haben es nie gespürt. Eine Scheidung ist eine Selbstverständlichkeit und kein Schicksalsschlag mehr. Für ein Kind ist sie eine Tragödie. Dass heißt nicht, dass Menschen, deren Liebe tot ist, die einander bekriegen, der Kinder zuliebe zusammen bleiben sollten. Es heißt nur, dass sie es sich nicht so leicht machen sollten. Jede dritte Ehe wird geschieden, und selten werden kritischen Fragen gestellt. Stattdessen klopft man einander aufmunternd auf die Schulter. Den Kindern verschreiben die Ärzte notfalls Therapien und Medikamente, die den Serotoninspiegel ins Gleichgewicht bringen, damit sie konzentrierter lernen können.

          Scheidungskinder mussten früher nach Scheidungskindern suchen

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