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Pastoralschrift des Papstes : Sünde bleibt Sünde

Auf eine entgegenkommende Geste des Papstes zum Thema Liebe und Familie haben Gläubige lange gewartet. Bild: AP

Viel Lärm um nichts? Hat der Papst in seiner dreihundertseitigen Pastoralschrift etwas gesagt, das über die Einsicht jeder soliden Normtheorie hinausgeht: dass nämlich Norm und Anwendung der Norm nicht dasselbe sind?

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          Man braucht kein ausgebuffter Jurist zu sein, um zu wissen: Normative Vorschriften sind keine „Felsblöcke, die man auf das Leben von Menschen wirft“ (Franziskus), sondern müssen auf den Sachverhalt passen, den sie normieren möchten. Juristen sprechen von der Logik der Subsumption, an der sie sich abarbeiten: Welcher Sachverhalt („Fall“) passt zu welcher Norm (und umgekehrt)? Wann, unter welchen Umständen ist welches Tatbestandsmerkmal erfüllt? Erst wenn diese Fragen geklärt sind, tritt die jeweilige Rechtsfolge ein. Mit dem Werfen von Felsblöcken hat das Strafrecht ebenso wenig zu tun wie Moraltheologie (Kurpfuscher gibt’s freilich in jeder Profession). Hundert Jahre früher hätte die Warnung vor der „kalten Schreibtischmoral“ (Franziskus) vermutlich verfangen; heute, da normative Systeme von weichen Faktoren bestimmt werden, wirkt das merkwürdig anachronistisch, ja wirft die Frage auf, ob hier nicht bestimmte kirchliche Milieukämpfe Pate stehen, wenn der Papst mit dem Missverständnis Bärbel Bohleys spielt: Wir wollten Gerechtigkeit und haben den Rechtsstaat bekommen. Ist die Norm erst einmal als „kalt“ diffamiert, kann jede Berufung auf sie schnell als „kleinlich“ gelten. Kalt und kleinlich gehören denn auch zu den Suggestivbegriffen, mit denen das Dokument einen Reformgeist vorspiegelt, den es nicht einlöst.

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Denn das steht in der Tat schon seit langem im Katechismus der katholischen Kirche: „Die Anrechnung einer Tat und die Verantwortung für sie können durch Unkenntnis, Unachtsamkeit, Gewalt, Furcht, Gewohnheiten, übermäßige Affekte sowie weitere psychische oder gesellschaftliche Faktoren vermindert, ja sogar aufgehoben werden.“ Vor einer Kulisse von Steinewerfern und Schreibtischmoralisten erscheint die Binsenweisheit der Applikation als Revolution der Barmherzigkeit. Sobald diese Kulisse abgebaut ist, bleibt eine solide Auffassung von Zurechenbarkeit übrig, von der weiter kein Aufhebens gemacht werden brauchte.

          Die Gebote bleiben unverbrüchlich

          Wenn da nicht der atemberaubend kasuistische Drahtseilakt zu besichtigen wäre, mit dem via Anwendungsüberlegungen die Norm selbst zur Fußnote wird. Wie geht das? Durch jene konsequente Zweigleisigkeit, wie sie der deutsche Zirkel der römischen Familiensynode, auf welcher das päpstliche Schreiben fußt, vorgeschlagen hatte (F.A.Z. vom 12. Oktober 2015). Einerseits hält Franziskus mit nicht zu überbietender Deutlichkeit die Norm hoch. Es gebe keine „Gradualität des Gesetzes“, schreibt er, ein Stichwort, auf das sich innertheologisch die Reformerwartungen gestützt hatten. Mit anderen Worten: An der Norm soll kein Jota geändert, sie soll in ihrem Gehalt nicht ermäßigt werden, etwa im Sinne einer abgestuften, graduellen Verbindlichkeit (platt gesagt: du sollst nur manchmal nicht morden, stehlen, falsches Zeugnis geben - so nicht!). Nein, an der Unverbrüchlichkeit der Gebote wird festgehalten (es fallen Begriffe wie „objektive Sünde“). Andererseits hat sich der normative Stellenwert der Norm verändert, wenn sie zum „Ideal“ (Franziskus) überhöht und in die Ferne gerückt wird - und damit jene Dimension verliert, die erst einmal aussagt, was überhaupt zu tun oder zu lassen wäre, bevor die Mühen der Anwendung einsetzen.

          So steht man vor einem performativen Problem: Mit dem Refrain „unterscheide!, unterscheide!, unterscheide!“ gerät die Unterscheidung der Tatbestandsmerkmale derart zu einem Supergebot (auch Joseph Ratzinger habe ja schon gesagt, es gebe „keine Patentrezepte“, schreibt Franziskus), dass nichts mehr zu urteilen übrig bleibt. Die Materie, die zu beurteilen wäre, hat sich schlichtweg in ihre Atome aufgelöst (ohnehin scheint „urteilen“ im päpstlichen Text mit „verurteilen“ assoziationspsychologisch verbunden zu sein, was ja begrifflich von Haus aus gar nicht geboten ist).

          Man mache nur einmal die Gegenprobe: Ist nach Lektüre des Schreibens irgendein „Fall“ denkbar, der nach gebotener pastoraler Unterscheidungsarbeit noch einer kirchlichen Exklusion zur Verfügung steht? Nein, jeder Fall ist eingemeindet. Zugespitzt gesagt: Der Atheist, der darauf Wert legt, Atheist zu sein, hat vor der kirchlichen Inklusionspastoral keine Chance, als Atheist draußen bleiben zu können. Ein Sünder, der sich seiner Verfehlungen wegen nicht imstande sieht, zur Kommunion zu gehen, aber auch die Beichte scheut und darob eine kirchliche Auszeit anpeilt (statt zu sagen: Ich bin okay, Gott ist okay), versteht plötzlich seine Bedenken nicht mehr, gerät er erst einmal unter den exzessiven Unterscheidungsimperativ, mit dem man ihn beinahe schon penetrant zum „differenzierten Blick“ auf „unterschiedliche Situationen“ anhält.

          Man möge bitte verstehen, schreibt Franziskus, „dass man von der Synode oder von diesem Schreiben keine neue, auf alle Fälle anzuwendende gesetzliche Regelung kanonischer Art erwarten durfte“. Ebendies hat aber niemand erwartet: weder die Reformer noch die Beharrer. Man hätte einfach nur gerne gewusst, was gelten soll. Um dann selbst entscheiden zu können, ob und unter welchen Bedingungen man sich daran halten möchte oder nicht.

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