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Parodie und Expertise : So intelligent kann Antifaschismus sein

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Die Modemarke „Thor Steinar” sieht sich von seinem Label „Storch Heinar” verunglimpft: Mathias Brodkorb Bild: ddp

Er parodiert die unter Neonazis beliebte Modemarke „Thor Steinar“, ist einer der besten Kenner des Rechtsextremismus und sitzt für die SPD im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern. Mathias Brodkorb wirft der CDU vor, ihre rechte Flanke zu vernachlässigen.

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          Die Kröpeliner-Tor-Vorstadt liegt westlich der Rostocker Altstadt, an der Straße nach Bad Doberan. Walter Kempowski setzte ihr in dem 1981 erschienenen Roman „Schöne Aussicht“ ein Denkmal, denn hier bezog der junge Karl Kempowski mit seiner Frau Grethe 1919 die erste gemeinsame Wohnung, was im bürgerlichen Rostock als nicht standesgemäß empfunden wurde; aus dieser Gegend beziehe man allenfalls seine Dienstmädchen. Es war eine Arbeitergegend nahe der Neptunwerft, viele gründerzeitliche Mietskasernen stehen noch, damals wie heute hat hier die Rostocker SPD ihren Sitz, in der Doberaner Straße nahe dem lebhaften und unerwartet urbanen Doberaner Platz. Im Treppenhaus erinnert eine Gedenktafel an Albert Schulz, der von 1946 bis 1949 Rostocker Oberbürgermeister war. Wie viele Rostocker Sozialdemokarten wurde er von Nationalsozialisten und Kommunisten verfolgt. In der Parteigeschäftsstelle nutzen auch die lokalen Abgeordneten der SPD kleine Büros. Einer von ihnen ist Mathias Brodkorb.

          Der 1977 geborene Rostocker sitzt seit 2002 im Schweriner Landtag, bislang ohne Wahlkreis. Brodkorb stammt aus dem eher bürgerlichen Rostocker Bahnhofsviertel und lebt seit 1992 in der Kröpeliner-Tor-Vorstadt. Wie vielen ostdeutschen Sozialdemokraten fehlt ihm der Stallgeruch. Auf die Frage nach einem politischen Vorbild zögert er für einen Politiker ungewöhnlich lange, nennt dann auch keine Sozialdemokraten, weder Willy Brandt, dessen Foto vom Vereinigungsparteitag 1990 in seinem Büro hängt, noch den in seiner Generation fast sakrosankten Helmut Schmidt; auch nicht Albert Schulz, sondern, etwas kokett, „am ehesten noch Aristoteles und Platon“. Das mag zu der aus dem Pfarrhaus geborenen bildungsbürgerlichen Ost-SPD sogar passen, doch auch eine typische DDR-Biographie kann Brodkorb nicht vorweisen; das Wendejahr 1989 verbrachte der aus einer unkirchlichen und unpolitischen Familie Stammende im niederösterreichischen Korneuburg, wo er von 1987 bis 1992 lebte. Sein Vater ist ein Österreicher, der auf einer Werft gearbeitet hatte, auch der Sohn besitzt zwei Staatsangehörigkeiten.

          Beschäftigung mit Marx führt zum Philosophiestudium

          Nach der Rückkehr in seine Geburtsstadt wurde Brodkorb links sozialisiert und ging noch als Oberschüler 1994 zur PDS, genauer, zur „Kommunistischen Plattform“. Er war der Jüngste, an den alten Genossen beeindruckte ihn der theoretische Anspruch an die Politik. Seine Beschäftigung mit Marx führte zum Philosophiestudium. Brodkorb entschied sich für eine geisteswissenschaftliche Ochsentour; er lernte und studierte Altgriechisch, um die Philosophen im Original lesen zu können. Dabei beeinflussten ihn zwei Rostocker Gräzisten, Wolfgang Bernard und der 2009 verstorbene Markus Schmitz, nachhaltig. Auch weltanschaulich löste sich Brodkorb vom Marxismus. 1997 war er zur SPD gewechselt. Als Vertreter der Jusos gelangte Brodkorb in der personell klammen Landespartei auf einen guten Listenplatz und so in den Landtag.

          „Storch-Heinar”-Motiv, einer Marken-Persiflage auf das in der rechten Szene beliebte Modelabel „Thor Steinar”
          „Storch-Heinar”-Motiv, einer Marken-Persiflage auf das in der rechten Szene beliebte Modelabel „Thor Steinar” : Bild: ddp

          Gerne spricht Brodkorb von seiner „Affinität zu Zahlen“. Seine hochschulpolitischen Vorschläge, die größtenteils verwirklicht wurden, sind mit Tabellen und Diagrammen gefüllt, der Zahlenmensch wurde bereits als Finanzminister gehandelt. Weit über Mecklenburg-Vorpommern hinaus ist Brodkorb als Rechtsextremismus-Experte bekannt. Seit Anfang 2006 betreibt er das Internetportal „Endstation Rechts“. Monatlich wird das Portal, finanziert aus Spenden und unterstützt von der Landes-SPD, hundertfünfzigtausendmal besucht; es gilt als die bestinformierte Seite des Genres.

          Der einprägsame Titel stammt von einer Werbeagentur und ist etwas irreführend. Brodkorb lokalisiert sich selbst am linken Flügel der SPD und lobt den Beitrag der Linkspartei zur Haushaltsdisziplin. Gleichwohl käme ihm nie der Gedanke, die Legitimität einer demokratischen Rechtspartei in einer Demokratie zu bestreiten. Im Gegenteil, er wirft der CDU sogar vor, ihren konservativen Flügel zu vernachlässigen; das „einzig Konservative an Frau Merkel“ sei doch, dass sie „immer zum gleichen Friseur“ gehe. Brodkorb und „Endstation Rechts“ stehen auf dem Boden der Totalitarismustheorie von Hannah Arendt, was sie von vergleichbaren Plattformen trennt, die in jedem niedersächsischen Schützenverein den latenten Faschismus entdecken wollen. Anders als weite Teile der Antifa grenzt sich Brodkorb vom Linksextremismus klar ab. Er wolle „lieber von einem rechten CDU-Mann als von einem Linksextremen“ regiert zu werden.

          „Endstation Rechts“

          Verschiedentlich ist Brodkorb konservativen Flügelmännern der CDU beigesprungen. Als der niedersächsische CDU-Kommunalpolitiker Hinrich Rohbohm von der CDU-Bundestagsabgeordneten Martina Krogmann 2009 wegen seiner in der rechtskonservativen Wochenzeitung „Jungen Freiheit“ veröffentlichten Artikel gemaßregelt wurde, veröffentlichte er auf „Endstation Rechts“ einen offenen Brief an Frau Krogmann. Er habe sämtliche Artikel Rohbohms gelesen und konservative Positionen gefunden, aber keine Verwischung der „Grenze zu unerträglich braunem Gedankengut“. Dass Brodkorb die „Junge Freiheit“ nicht für rechtsextrem hält, sondern deren Abgrenzung zur NPD betont, nehmen ihm nicht nur Parteifreunde übel. Als Peter Krause, als kurzzeitiger Mitarbeiter der „Jungen Freiheit“ im Zentrum der Kritik, auf das Amt des thüringischen Kultusministers verzichtete, berichtete Brodkorb betont sachlich und räumte auch Krauses Replik auf Christoph Matschie, Brodkorbs Parteifreund, Platz ein. Von Schonung der Berliner Wochenzeitung kann keine Rede sein; Brodkorb wirft ihr etwa Schnüffelei wegen einer Broschüre über „die offene linke Flanke der SPD“ vor. Bei Auseinandersetzungen, wie sie Brodkorb etwa auch mit der „rechten Edelfeder“ Thorsten Hinz führte, war bei aller Verschiedenheit der Standpunkte fast ein wechselseitiger Respekt zu erkennen.

          Anders ist Brodkorbs Umgang mit der NPD. Hier ist er kühl und sezierend. Die NPD hält er für eine heterogene Partei, in der ein „ethnopluralistischer“ und ein neonazistischer Flügel etwa gleich stark seien. Brodkorb warnt vor falschen Mitteln im Kampf gegen die NPD. Der Schweriner Landtag, in dem die rechtsextremistische Partei seit 2006 vertreten ist, habe bislang alle Anträge der NPD mit großer Mehrheit abgelehnt. Das sei auch notwendig, doch den NPD-Abgeordneten komme es auf den parlamentarischen Erfolg überhaupt nicht an, da sie sich ohnehin als Opfer des „Systems“ präsentieren wollten. Die inhaltliche Auseinandersetzung mit der NPD sei viel zu sehr von der Suche nach einem „metaphysischen Nazi“ bestimmt. Der ständige Bezug auf Hitler sei nicht hilfreich, denn von dem finde man in den Broschüren der Partei nichts, stattdessen Artikel über die Gleichwertigkeit der Völker.

          Er kennt seine Gegner gut

          Die tatsächliche Gefahr dieses „postmodernen“ Rechtsextremismus sei eine andere: unter Verweis auf die Verschiedenheit der Völker werde etwa die universale Geltung der Menschenrechte bestritten. Mit diesem Weltbild der „Neuen Rechten“, das auf den französischen Publizisten Alain de Benoist und den mittlerweile links angekommenen ehemaligen NPD-Vordenker Henning Eichberg zurückgeht, hat sich Brodkorb in zahlreichen Veröffentlichungen kenntnisreich auseinandergesetzt. Aus seiner Arbeit im Landtag weiß Brodkorb, dass viele Anträge der NPD darauf hinauslaufen, durchaus legitime Interessen rechtsradikal zu besetzen, etwa die Erinnerung an die Opfer des Bombenkrieges. Brodkorb lobt die Linie seines Fraktionsvorsitzenden, des Historikers Norbert Nieszery, der die NPD mit historischen Argumenten ad absurdum führe.

          „Wissenschaftlichkeit“ ist eines der Lieblingswörter von Brodkorb. In seiner kühl-analysierenden Art wirkt er mehr wie ein Referent des Verfassungsschutzes, der seinen Gegner gut kennt, als wie ein Politiker, der auf Feuerwehrfesten seine Anhänger mobilisiert. Die Beobachtung des rechten Lagers ist ihm nicht zum Selbstzweck geworden. Angesprochen auf die politische Zukunft der NPD, äußert er sich verhalten optimistisch. In Mecklenburg-Vorpommern habe ein demographischer Wandel eingesetzt; es gebe wieder ein Überangebot an Ausbildungsplätzen.

          Den sollte man sich warm halten

          Über die Gefährlichkeit der Rechtsradikalen braucht man Brodkorb nicht zu belehren; in rechten Internetforen wurde zur Jagd auf ihn geblasen, weil er mit der Onlinesatire „Storch Heinar“ (www.storchheinar.de) das bei Rechtsradikalen beliebte Modelabel „Thor Steinar“ ins Lächerliche zieht. Vor dem Landgericht Nürnberg hat die Modemarke gegen ihn geklagt; an diesem Mittwoch ist die Klage im Grundsatz abgewiesen worden.

          Brodkorb wirft der eigenen Partei vor, sich zum „nützlichen Idioten des bürgerlichen Lagers“ zu machen, indem sie alles , was rechts von Frau Merkel sei, ausgrenze. Das Beschwören des „bürgerlichen Lagers“ ist freilich linke Folklore, Brodkorb entspricht selbst dem Typus eines bürgerlichen Politikers, hat zu politischen Extremisten dieselbe Distanz wie Mutter Kempowski zu den SA-Männern, nur dass er sie nicht mit „Ascheimerleuten“ verwechselt. Ein bürgerliches Leben ohne Politik kann sich Brodkorb ohne weiteres vorstellen. Er möchte gerne promovieren, vielleicht in Philosophie, jetzt böte sich auch Extremismusforschung an. Die von Brodkorb verfassten Broschüren zum „Faschismus“ gehören zu dem Niveauvollsten, was derzeit erhältlich ist. Zunächst möchte er weiter Haushalts- und Bildungspolitik machen und sucht einen Wahlkreis. Man kann ihn sich aber auch als Studienrat vorstellen, der seine Schüler für die griechische Philosophie begeistert. Zuzutrauen wäre es ihm, auch wenn dies wohl nicht ganz dem Bildungskanon seiner Partei entspricht. Bei der Familie Kempowski, wo man es mit den Rostocker Schulen nicht immer einfach hatte, hätte man über solche Lehrer geurteilt: „Den halte dir mal warm!“ Vielleicht sieht es die Rostocker SPD ja auch so.

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