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Intellektuelle Pariser Debatte : Homer gegen Baguette

Auf ihn und seine Mitstreiter antwortet Macron mit seinem „Grand Débat National“: Demonstrant im Pariser Stadtteil La Défense Bild: Picture-Alliance

Eine Baguette, Kiesel, Gewürze: So unterschiedlich die Gegenstände, die französische Intellektuelle zur Debatte mit Macron mitgebracht hatten, so verschieden sind ihre Positionen. Gesendet wurde live aus dem Elysée.

          3 Min.

          Am Montag präsentierte die französische Regierung die ersten Resultate des „Grand Débat National“, Emmanuel Macrons Antwort auf die Krise der Gelbwesten. Auch den Dialog mit den Intellektuellen will der Präsident erneuern: Acht Stunden lang dauerte die Debatte mit ihnen, live wurde sie aus dem Elysée übertragen. Als Auslaufmodell hatte Macron die gegenseitige Faszination von Geist und Macht bezeichnet.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Jetzt sind die Intellektuellen zurück und engagieren sich im Europawahlkampf. Bernard-Henri Lévy führt ihn mit Soloauftritten in Schauspielhäusern. Zum Auftakt organisierte er mit dreißig Schriftstellern – von Milan Kundera bis Elfriede Jelinek – eine Petition. Sie warnt vor den Populisten, einem Rückfall in die dreißiger Jahre und der Rückkehr des Faschismus. Lévys neue Tournee erinnert an die peinliche Vorstellung von 1994. Damals trat er mit seinen „Neuen Philosophen“ der antitotalitären Aufklärung an: „Europa beginnt in Sarajevo“. Auch André Glucksmann und Pascal Bruckner machten damals mit. Die einstigen Marxisten und Maoisten hatten die spektakuläre Abkehr vom Kommunismus vollzogen. Fortan ging es darum, die Wiederkehr des Faschismus und neue Genozide zu verhindern. BHL hatte gerade seinen Film „Bosna!“ gedreht.

          Doch kaum war damals das Festival von Cannes vorbei, warf er das Handtuch. Im Nachhinein erweist sich der frivole Wahlkampf der Intellektuellen als düsteres Kapitel ihrer Geschichte: In den gleichen Wochen forderte der Völkermord in Ruanda eine Million Tote. Zu ihm und zur Mitverantwortung der französischen Armee schwiegen die Faschismusbewältiger. Er passte nicht in die Dramaturgie der historischen Remakes.

          Im Schatten des Duells

          Mitterrand und Sarkozy huldigten dem antitotalitären Imperativ gegen Milošević und Gaddafi. Hollande hätte am liebsten auch noch Syrien angegriffen. Macron hat mit dieser Außenpolitik des prophylaktischen Antifaschismus gebrochen. Doch seit dem Scheitern seiner Bemühungen, die „République en marche“ außerhalb Frankreichs zu etablieren, führt er seinen Wahlkampf an dieser Front: Ich oder die Barbarei der Populisten. Am Tag der Befreiung von Auschwitz twitterte seine Spitzenkandidatin Nathalie Loiseau: „Die europäischen Sterne sind uns lieber als der Judenstern.“

          Loiseaus Gegenspielerin Marine Le Pen schickt auf Platz fünf einen ideologisch wenig belasteten Intellektuellen ins Rennen: Hervé Juvin. Der Gallimard-Autor hat mit dem Historiker Marcel Gauchet und Mitterrands Premierminister Pierre Bérégovoy zusammengearbeitet. Zum „Rassemblement National“ führte ihn das Klima. Auch Ökosysteme brauchen Grenzen.

          Rechts von Marine Le Pen will der Schriftsteller Renaud Camus die „große Umvolkung“ rückgängig machen und die Einwanderer der zweiten Generation ausweisen. Er ist gerade weltberühmt geworden: Auf Renaud Camus bezieht sich der Attentäter von Christchurch. Und im Schatten des Duells zwischen dem Präsidenten und den Populisten kämpfen die Sozialdemokratie und die bürgerliche Rechte mit jungen Philosophen um ihr politisches Überleben und die programmatische Erneuerung: Raphael Glucksmann, 39 Jahre alt, und François-Xavier Bellamy, 33 Jahre alt.

          Nötiger denn je

          Im Zuge der antitotalitären Aufklärung hatte die Linke mit der Überwindung des Marxismus die soziale Frage aus den Augen verloren. Der Aufstand der heimatlosen Gelbwesten ist eine Folge davon. Der Niedergang der Sozialisten – genauso wie der bürgerlichen Rechten – ermöglichte Macrons Wahl. Jetzt will der Sohn von André Glucksmann die Linke „retten“. Wie sein Vater hielt er es zuerst mit Sarkozy, doch dessen Einwanderungspolitik bewirkte einen Gesinnungswechsel. Im vergangenen Herbst gründete Raphael Glucksmann die Bewegung „Place Publique“. Die Sozialisten haben sich bereit erklärt, den Wahlkampf unter Glucksmanns Flagge zu führen.

          Die bürgerliche Rechte wurde von den Neuen Philosophen dem permanenten Faschismus- und Kollaborationsverdacht ausgesetzt. François-Xavier Bellamy grenzt sich von den neurechten Ideologien ab. Weil sich der konservative Intellektuelle „aus Gewissensgründen“ gegen die Abtreibung ausspricht, deren Legalität er keineswegs in Frage stellt, wird er in die Nähe der reaktionären Katholiken und ihres Protests gegen die „Ehe für alle“ gerückt. „Europa ist nötiger denn je“, sagt Bellamy, dessen Vorbild in Sachen Europa Churchill ist. Macron wirft er vor, wie die Populisten eine „Politik der Angst“ zu betreiben.

          In die erste Fernsehrunde brachte Bellamy Homers „Odyssee“ mit. Andere Kandidaten illustrierten ihr Bild von Europa mit Handschellen, einer „Baguette“ (als Symbol des „Teuros“) oder einem Gewürz aus der Provence, das dank Brüssel überlebt. Raphael Glucksmann, dessen Programm die linke Wiedervereinigung ist, präsentierte ein paar Kiesel, die der Vater dem Zehnjährigen von der gefallenen Berliner Mauer nach Hause mitgebracht hatte.

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