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Pariser Ausstellung : Der Kampf der Klarsfelds

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Allein gegen das Schweigen: Beate Klarsfeld forderte 1985 vor dem Justizpalast in Paraguays Hauptstadt Mengeles Auslieferung. Bild: A. Keler/Sygma

Vergangenheitsbewältigung mit Ohrfeige: Eine Pariser Ausstellung zeichnet den beharrlichen Kampf des Ehepaars Klarsfeld gegen das Vergessen und Verstecken von Kriegsverbrechern nach.

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          Am 7. November 1968 verabreicht Beate Klarsfeld während eines CDU-Parteitags in West-Berlin Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger zum Kampfruf „Nazi! Nazi!“ eine Ohrfeige. Erstinstanzlich wird die 29-Jährige dafür zu einer Haftstrafe von einem Jahr verurteilt. Am 20. Juli 2015 nimmt Klarsfeld aus der Hand der deutschen Botschafterin in Paris das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse entgegen. Fast ein halbes Jahrhundert ist zwischen diesen beiden Daten vergangen. Aus der Gesetzesbrecherin von einst ist die Würdenträgerin von heute geworden. Eine erstaunliche Laufbahn.

          Das Pariser Mémorial de la Shoah widmet der Exildeutschen und Wahlfranzösin Beate Klarsfeld und ihrem Mann Serge zurzeit eine informative Ausstellung. Leben und Wirken der beiden Erinnerungs-Kämpfer werden darin faktenreich nachgezeichnet, der Fokus liegt auf den Jahren 1968 bis 1978. Am Anfang dieser Zeitspanne begründet die Ohrfeige, deren Echo vernehmlich durch den Blätterwald und andere Räume der öffentlichen Meinungsbildung schallte, Beate Klarsfelds Ruf. Aber den Beginn ihres Engagements bildet sie nicht.

          Dieser lässt sich auf das Vorjahr datieren, als die in Paris beim Deutsch-Französischen Jugendwerk angestellte Sekretärin in den Spalten der französischen Tageszeitung „Combat“ mehrfach die Wahl des baden-württembergischen Ministerpräsidenten zum Bundeskanzler kritisiert. „Als Deutsche“, schreibt sie da etwa, „bedaure ich den Aufstieg Herrn Kiesingers ins Kanzleramt. Wenn die deutschen Staatsgeschäfte von einem Mann geführt werden, der – selbst wenn nur aus Opportunismus – NSDAP-Mitglied war, so heißt das, dass die deutsche Öffentlichkeit einer gewissen Zeit und einer gewissen Einstellung die Absolution erteilt. Die Philosophin Hannah Arendt hat im Zusammenhang mit Eichmann von der ,Banalität des Bösen‘ gesprochen. Für mich verkörpert Herr Kiesinger die Respektabilität des Bösen.“

          „K. oder der subtile Faschismus“

          Geharnischte Worte, wie sie die damalige politische Klasse in Bonn kaum von einer Sekretärin kannte. Die Strafe folgt stehenden Fußes: Am 30. August 1967 wird Beate Klarsfeld fristlos entlassen. Doch dieser – in ihren eigenen Worten – „Rauswurf“ bildet einen Wendepunkt in ihrem Leben und in jenem ihres Mannes. Die beiden beschließen, die Kündigung anzufechten und Beweise für die Nazivergangenheit des Kanzlers zu sammeln.

          1969 veröffentlichen sie „K. oder der subtile Faschismus“, eine 64 Seiten lange Studie, die Kiesingers frühen Beitritt in die NSDAP und seinen Aufstieg innerhalb der Rundfunkpolitischen Abteilung des Auswärtigen Amts dokumentiert. Diese Abteilung war für die Radiopropaganda in allen von den Nazis besetzten Ländern zuständig, wo sie den Judenhass schürte. Die Ausrede, Kiesinger habe nicht gewusst, welches Los Europas Juden von 1941 an erwartete, lassen die Autoren nach ihren Forschungen in Londoner, Ost-Berliner und Washingtoner Archiven nicht gelten: „Kiesinger erhielt tägliche und wöchentliche ,Geheim‘-Berichte, die alle von der Dienststelle gesammelten Informationen enthielten. In seiner Position war er sowohl über die ,Endlösung‘ als auch über ihre Vorstufen informiert.“

          Doch belastende Dokumente zusammentragen ist das eine, ihren Inhalt der Öffentlichkeit ins Bewusstsein rücken etwas anderes. Im Kampf gegen Kiesinger bringen die Klarsfelds ihre Strategie auf den Punkt, durch einen kurzlebigen Skandal auf einen dauerhaften Missstand aufmerksam zu machen. Sie nutzen die Sensationsgier vieler Medienorgane, um mittels einer breiten Palette von Protestaktionen – von denen die Kanzlerohrfeige bloß die spektakulärste ist – Sendeminuten und Zeitungsspalten für ihre Causa zu gewinnen. Dabei zögern sie nicht, absichtlich das Recht zu brechen, um ungleich größeres Unrecht anzuprangern. Während sie selbst für ungenehmigte Demonstrationen oder eingeschlagene Fensterscheiben verhaftet oder gar verurteilt werden, gehen Kriegsverbrecher in der Bundesrepublik unbehelligt ihren Geschäften nach. Diese stoßende Diskrepanz soll die Öffentlichkeit wachrütteln.

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