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Pius-Bruderschaft : Man reize diesen Herrscher nicht!

Was soll’s? Papst Franziskus nimmt es mit den katholischen Normen nicht so genau Bild: AP

Franziskus grüßt in alle Richtungen: Im laxen Stil päpstlichen Schreibens „Amoris laetitia“ droht nun die kirchenrechtliche Anerkennung der Piusbrüder. Was für ein „neuer Humanismus“ soll das bitte sein?

          Lange nichts mehr von den Piusbrüdern gehört. Papst Franziskus wünscht der traditionalistischen Priesterbruderschaft, an deren Rändern sich schon manches rechtsradikale Feuerchen entzündete, nach Möglichkeit nun jene kirchenrechtliche Anerkennung zu geben, die ihr bislang fehlt. Es gebe „eine klare Willensbekundung des Heiligen Vaters, den Weg zu vollen und dauerhaften kanonischen Anerkennung (der Piusbruderschaft) zu fördern“, erklärte Guido Pozzo, der für die Verhandlungen mit den Traditionalisten zuständige Kurienvertreter, in einem Interview mit der Presseagentur Zenit, kurz bevor der Papst Anfang April den Generaloberen der Piusbrüder zum Arbeitsgespräch in sein Gästehaus lud. Wie bitte, der Sponti-Papst ein Förderer der Piusbrüder? Hatte sich nicht schon Joseph Ratzinger auf dem Papststuhl an ihnen die Finger verbrannt? Was ist das für ein „Traum von einem neuen europäischen Humanismus“ (Karlspreisträger Franziskus), in welchem die Aussöhnung mit dem Judentum und die Anerkennung der Religionsfreiheit in Frage stehen dürfen?

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Just zu den Dokumenten des Zweiten Vatikanischen Konzils, die diese beiden Themen behandeln, verweigern die Piusbrüder bis heute ihre Zustimmung. Für Franziskus offenbar kein Grund, schwarz-weiß zu malen. Verwirklichen die Piusbrüder Europas Werte nicht „zumindest teilweise und analog“, wie man in Anlehnung an das antinormative Argumentationsmuster des jüngsten päpstlichen Schreibens „Amoris laetitia“ fragen könnte? Warum „kleinlich“ und „unerbittlich“ auf der Anerkennung von abstrakten Zivilisationsgesetzen bestehen, wenn die Piusbrüder nun einmal „nicht in der Lage sind, die objektiven Anforderungen des Gesetzes zu verstehen, zu schätzen oder ganz zu erfüllen“?

          Entscheidend ist laut „Amoris laetitia“ die „Logik der Integration“, ohne dass diese Logik mit belastbaren Kriterien ausgestattet werden bräuchte: „Es geht darum, alle einzugliedern.“ Auf die Piusbrüder gewendet heißt das: Maßgeblich sind die guten Absichten und mildernden Umstände, unter denen das Meta-Lehramt der Bruderschaft zustande kam, nicht sein objektiver Gehalt. Wenn die Piusbrüder deshalb nach entsprechender Gewissensprüfung zu dem Ergebnis kommen, die Religionsfreiheit theologisch ablehnen zu müssen, dann sollen sie selbst entscheiden dürfen, wie katholisch das ist, welche Dokumente des Zweiten Vatikanums sie anerkennen möchten und welche lieber nicht.

          Tatsächlich geht es auf dem Weg zur kirchenrechtlichen Anerkennung der Piusbrüder genau darum: Die wichtigen Texte zum Judentum und zur Religionsfreiheit sind, so wünscht es der Vatikan, in ihrer bloß relativen Normativität darzustellen, so dass von ihrer Anerkennung nicht länger die kanonische Anerkennung der Piusbrüder abhängen soll. Das Vorgehen entspricht präzise dem eklektischen, sich um den Zusammenhang der Lehre weiter nicht scherenden Stil des Papstes der „Barmherzigkeit“, welcher heute diese und morgen jene Regel – nein, nicht für unerheblich erklärt, aber sie so zur Anwendung bringt, dass sie für die Beurteilung einer „Situation“ (der Begriff hat unterm aktuellen Pontifikat beinahe schon Fetisch-Charakter) nicht länger den Ausschlag gibt, sondern als regulative Idee in den Hintergrund tritt.

          Dummstellen auf jesuitisch

          Welchen Durchbruch hatte es während des Zweiten Vatikanums (1962 bis 1965) für das christliche Freiheitsverständnis bedeutet, als die Erklärungen „Nostra aetate“ und „Dignitatis humanae“, das Dekret „Unitatis redintegratio“ veröffentlicht wurden. Das war eine programmatische Absage an die Intoleranz gegenüber nicht-christlichen Religionen, eine Neuausrichtung im Verhältnis zum Judentum, man schrieb theologische Positionen fest, um die lange und hart gerungen wurde. Sie zeigen gleichsam das geistige Klima an, in welchem die übrigen Lehrschreiben des Konzils zu lesen sind.

          Was aber macht Herr Pozzo im Auftrag des Papstes aus diesen Dokumenten? Er sagt dem Sinne von „Amoris laetitia“ nach: Wir wollen diese Freiheitsschriften mal nicht zu hoch hängen; wir wollen ihre Normativität gegenüber den Piusbrüdern nicht nach Art einer „kalten Schreibtischmoral“ zur Geltung bringen, sondern sie, diese Dokumente der christlichen Liberalität, lediglich als „Inspirationsquelle“ für Einzelfallentscheidungen ansehen. Bei Guido Pozzo klingt das dann so: „Die Verbindlichkeit der Lehren des Lehramtes variieren je nach Autoritätsgrad und Wahrheitskategorie, die den lehramtlichen Dokumenten eigen ist. Mir ist nicht bekannt, dass die FSSPX (Piusbruderschaft) Glaubenslehren oder Wahrheiten der katholischen Doktrin, die vom Lehramt gelehrt werden, geleugnet hätte.“

          So geht Dummstellen auf jesuitisch: ausgetüftelt, aber an der Sache vorbei. Bloß den Piusbrüdern keine Steine in den Weg legen, denn das hieße ja, sie mit abstrakten Lehren „wie mit toten Steinen bewerfen“, „sich auf den Stuhl des Mose setzen“ (Franziskus)! Ausdrücklich weist das päpstliche Sprachrohr Pozzo die drei genannten Schriften „Nostra aetate“, „Dignitatis humanae“ und „Unitatis redintegratio“ als Dokumente niederen Autoritätsgrads aus, welche man also, versteht man recht, folgenlos ablehnen könne, eben weil man sich dabei ja nicht den Vorwurf zuzieht, verbindliche Glaubenslehren aus der obersten Wahrheitsliga zu leugnen.

          Barmherzigkeit als normative Beliebigkeit

          So depotenziert der Vatikan mit Unschuldsmiene die Kategorien, mit denen die Ressentiments der Piusbruderschaft dingfest gemacht werden könnten. Eine sophistische Umgehung des Problems, wie sie, zumal mit Blick aufs Judentum, an Taktlosigkeit kaum zu überbieten ist. Das kommt davon, wenn Konsistenzansprüche von Texten mit der Parole „Barmherzigkeit“ in den Wind geschlagen werden. Wo die Logik der Integration alle anderen Logiken außer Kraft setzt, geht es sehr schnell sehr unbarmherzig zu. Die Piusbrüder dürften kaum wissen, wie ihnen geschieht unter diesem „Pontifikat der Zärtlichkeit“ (Medienecho), welches doch kein Pardon kennt, wenn es darum geht, höchst autoritär den Formelkram auszuhebeln („Formeln“ seien zwar wichtig, versichert Franziskus, aber dürften nun einmal nicht „die Situation“ regieren). Wo ihm in dieser Hinsicht etwas in die Quere kommt – Einwände, Hinweise, die auf die intellektuelle Redlichkeit von Verlautbarungen zielen –, da scheut der Papst auch vor Verbalinjurien nicht zurück.

          Jüngstes Beispiel aus der olfaktorischen Metaphernwelt, mit dem Franziskus eine nicht näher qualifizierte „Offenheit“ als christliche Tugend einklagt: „Christen dürfen nicht verschlossen sein, weil wir sonst den Gestank der verschlossenen Dinge annehmen.“ Mit solchen Deftigkeiten kann stets alles und nichts gemeint sein. Sie sind so angelegt, dass man den Eindruck gewinnt, dem Papst passe die ganze Richtung nicht. Welche Richtung genau zu ändern wäre und vor allem welche statt dessen einzuschlagen wäre, das bleibt im Ungefähren. Man meint das aus manchen Herrscherbiographien zu kennen: Ein kleines Missvergnügen, ein Hauch von Unlust genügt, um die Laune zu verderben, den Jähzorn zu reizen und im Herrschaftsbereich das Unterste zuoberst zu kehren.

          Fundamentalkritik im Gewand der Affirmation

          Die Piusbrüder werden sich deswegen keinen Kopf machen wollen. Warum auch? Sie dürften die preisgünstige vatikanische Offerte, kanonisch anerkannt zu werden, als ein Angebot des Heiligen Geistes ansehen, das man nicht ablehnen kann – bevor der nächste Papst es sich wieder anders überlegen könnte. Wäre es von beiden Seiten her nicht geboten, vom Vatikan wie von den Piusbrüdern, den Nachweis der Konzilskonformität nun gerade sehr genau zu nehmen, bevor man die volle Anerkennung der Gruppierung ins Auge fasst? Die Vorwürfe, die im Raum stehen, vertragen keine Integration auf Zuruf im Namen einer Schwamm-drüber-Barmherzigkeit. Wenn man selbst keine Neigung zur Arbeit am Begriff verspürt, kann man sie, die Begriffsarbeit, als Papst ja ohne weiteres an Zuarbeiter delegieren, die dafür aufgelegt sind.

          Was die okkasionellen Argumentationsmuster von „Amoris laetitia“ angeht, und insbesondere des hoch umstrittenen achten Kapitels dieses Dokuments, hat es soeben Gerhard Kardinal Müller, Chef der vatikanischen Glaubenskongregation, unternommen, „Entwarnung“ zu geben. In puncto Kommunion für wiederverheiratete Geschiedene bleibe auch nach dem Papstschreiben alles beim alten Verbot, erklärte Müller in einem Vortrag, den er im spanischen Oviedo hielt und der als sein Kommentar zu „Amoris laetitia“ gelten kann (dokumentiert bei tagespost.de). Nice try, netter Versuch, könnte man sagen, ein Dokument in eine Richtung drehen zu wollen, welches doch erkennbar so angelegt ist, dass sich ganz verschiedene Auffassungen aus ihm herauslesen lassen sollen. Man vergleiche die höchst divergente, sich widersprechende Rezeption (instruktiv dazu etwa die theologischen Foren theologie-und-kirche.de oder katholisches.info). Mit gespielter Naivität erklärt Müller: Der Papst hätte doch analytischer formuliert, wenn er in einer so gewichtigen Frage eine Richtungsänderung hätte herbeiführen wollen. Er hätte sich, so Müller, „deutlich ausgedrückt und die Gründe dafür angegeben“. Das nennt man: die Schwäche zur Stärke machen, Fundamentalkritik im Gewand der Affirmation.

          In diesem Stil der Camouflage werden die theologischen Unausgegorenheiten und Brüche des Dokuments aufgespießt, Punkt für Punkt, zumal das päpstliche „Was soll’s?“ zur katholischen Sakramentenordnung. Der Papst hält sich nicht mit den kleinlichen Nachmessern aus seinem Behördenapparat auf. Er geht zügig voran, den Schlamm der Straße nicht scheuend, dem europäischen Humanismus entgegen.

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