https://www.faz.net/-gqz-t0ze

Papst-Debatte : Der Tag des friedlichen Zorns?

  • -Aktualisiert am

Es gibt keinen Dialog: Jussuf al Qardawi Bild: AP

Der Mann, der dem Papst antwortet: Das Wort von Jussuf al Qardawi hat Gewicht. Der Al-Dschazira-Fernsehprediger macht Front gegen den Vatikan - und vierzig Millionen Menschen hören ihm zu.

          4 Min.

          Es war wie jeden Sonntagabend bei Al Dschazira. Wenn deutsche Zuschauer auf den „Tatort“ warten, ist das Publikum des arabischen Nachrichtensenders auf einen gelehrten Greis mit Turban und Hornbrille fixiert. Er heißt Jussuf al Qardawi und bestreitet die Sendung „Asch Scharia wa al Hayat“ - das islamische Gesetz und das Leben. Al Qardawi ist einer der wichtigsten Fernsehprediger der arabischen Welt. Seine Botschaften erreichen schätzungsweise vierzig Millionen Menschen. Als Radikaler gilt er nicht, und doch stimmte er jetzt sogleich mit aller Härte in den Kanon der islamischen Kritiker ein, die in der Vorlesung Benedikts XVI. in der Universität von Regensburg eine Schmähung ihres Glaubens erkennen wollen.

          Die Muslime hätten das Recht, „wütend und verletzt über die Bemerkungen des höchsten christlichen Geistlichen zu sein“, sagte al Qardawi und forderte eine Entschuldigung des Papstes. „Zu sagen, der Prophet Mohammed hat böse und unmenschliche Dinge propagiert, wie den Glauben mit dem Schwert zu verbreiten, ist entweder eine Verleumdung oder blankes Unwissen.“ Der Papst verhindere den Dialog. Der „Dschihad“, der „Heilige Krieg“, diene der Selbstverteidigung und nicht dazu, anderen den Islam aufzuzwingen, denn im Koran stehe: „Es gibt keinen Zwang in der Religion.“

          Der richtige, islamische Weg

          Allwöchentlich erklärt der Geistliche den Zuschauern von Al Dschazira den richtigen, islamischen Weg, ob es um den Libanon-Konflikt, künstliche Befruchtung oder die Gleichstellung der Frau geht. Seit 1997 ist al Qardawi bei Al Dschazira auf Sendung. Zuvor war er oberster Islamgutachter Qatars, Schüler der renommierten Al-Azhar-Universität in Kairo, Anhänger der Muslimbrüder. Im ländlichen Unterägypten aufgewachsen, soll er schon mit zehn Jahren den Koran auswendig gelernt haben. Trotz seines Werdegangs ist er nicht einfach ein traditioneller konservativer Scheich. Vielen Muslimen gilt er als moderat, ja sogar liberal. Mehr Frauen im Richteramt wünscht er sich etwa, überhaupt mehr Frauen in Männerberufen.

          Das verstimmt die Fundamentalisten. Doch auch die Liberalen reiben sich an al Qardawi, etwa an seiner Einlassung zum Thema Gewalt in der Ehe: „Der Mann hat als Oberhaupt der Familie ein Recht auf den Gehorsam seiner Frau“, schreibt er, und „nur wenn es nicht anders geht, ist es ihm erlaubt, sie mit den Händen zu ermahnen, dabei soll er ihr Gesicht oder andere verletzliche Zonen schonen“. Homosexualität ist ihm ein Greuel. Also ist er doch ein rückwärtsgewandter Gelehrter? Seine Empfehlungen sind voller Widersprüche, die Terroranschläge in New York, London und Madrid verurteilt er, zivile Opfer bei Selbstmordattentaten in Israel betrachtet er hingegen als bedauerliche Kollateralschäden, die es bei einem bewaffneten Konflikt nun einmal gebe.

          Das Erlaubte und das Verbotene

          Der Fernsehscheich ist seit mehr als vierzig Jahren eine feste Größe im sunnitischen Islam, dem 85 Prozent aller Muslime angehören. 1960 machte ihn sein Werk „Das Erlaubte und das Verbotene im Islam“ berühmt. Es ist ein Dauerbrenner mit über dreißig Auflagen. Bei der deutschen Ausgabe sind es schon fünf. Weltweit liegen seine Videos und Kassetten in Moscheen aus. Al Qardawi hat zudem die Möglichkeiten des Internets erkannt. Seine wichtigste Website Islamonline (islamonline.net) registriert eine halbe Million Zugriffe täglich. Islamonline ist angeblich die meistbesuchte Islamseite und die fünftwichtigste arabische Adresse im Netz. Kaum eine Frage des täglichen Lebens bleibt bei Islamonline unbeantwortet. Beachtet Allah Gebete, wenn man zuvor Alkohol getrunken hat? Darf ich eine Frau künstlich beatmen? Ist Oralverkehr erlaubt? Suchmaske, Eingabe - al Qaradawi weiß Bescheid. Er und ein großes Team entscheiden nach den Regeln der islamischen Rechtsfindung, basierend auf dem Koran, der Überlieferung vom Leben des Propheten und der Tradition. Heraus kommen religiöse Gutachten, also Fatwas.

          Al Qardawis Ansichten vor allem zur Politik werden in der islamischen Welt umgehend diskutiert. Zum Beispiel als er einem saudischen Gelehrten widersprach, der Sunniten Gebete für die schiitische Hizbullah verbot. Beide Glaubensrichtungen, so Qardawi, basierten auf den gleichen Prinzipien, und so sei es sogar die Pflicht eines jeden Muslims, den Kampf im Libanon zu unterstützen. Überhaupt liegt ihm die Einheit der Gläubigen am Herzen. Besonders außerhalb der islamischen Welt, der „Umma“, sieht er die Gefahr, daß die Muslime vom rechten Weg abkommen. Gestützt auf bestimmte Passagen des Korans, sind viele islamische Gelehrten der Ansicht, daß Muslime nur in der Umma dauerhaft leben dürfen. Nur dort werde die Reinheit ihres Glaubens gewahrt. Qardawi akzeptiert, daß Muslime im Westen leben - solange sie ihren Glauben uneingeschränkt ausüben können.

          Ein Ruf als Reformer

          Europäischen Muslimen bietet er Rechtsbeistand über den European Council for Fatwa and Research (Europäischer Rat für Gutachten und Forschung) in England. Nichts geht über die Scharia, aber es gibt Wege, sie neben den Rechtsgrundsätzen der verschiedenen Länder zu beachten, meint Qardawi. Der Glaube soll das Leben leicht machen, nicht schwer, heiße es schließlich in der zweiten Sure des Koran. Qardawi läßt bei der Interpretation der religiösen Quellen ein erhebliches Maß an Rationalität zu. Darauf fußt sein Ruf, ein Reformer zu sein. Gleichwohl bietet der Prediger reichlich Angriffsfläche, sein Fundus von Rechtsgutachten, Veröffentlichungen und Interviews ist voller Anfeindungen gegen die Vereinigten Staaten, den Westen und vor allem Israel.

          Zu den Äußerungen des Papstes rief Qardawi für den kommenden Freitag zu einem „Tag des friedlichen Zorns“ auf, mit Demonstrationen und Sit-ins. Der Protest solle nicht gewaltsam sein, auch sei der Angriff auf Kirchen verboten. Doch habe sich der Papst noch nicht entschuldigt. „Das ist keine Entschuldigung, das ist ein an die Muslime gerichteter Vorwurf, daß sie seine Worte nicht verstanden haben“, meint der Fernsehprediger. Solange der Papst seine Worte nicht zurückziehe, gebe es keinen Dialog zwischen Muslimen und Christen. Die Botschafter islamischer Staaten im Vatikan sollten schriftlich Protest gegen die Rede Benedikts XVI. einlegen und Veranstaltungen des Vatikans boykottieren. All das sind Mittel des „Protests“, wie wir sie vom Karikaturenstreit her kennen.

          Vor dem von Qardawi ausgerufenen „Tag des friedlichen Zorns“ brannten am Wochenende im Irak deutsche Fahnen und eine Papst-Figur. In einer im Internet verbreiteten Erklärung der Terrororganisation Al Qaida heißt es: „Wir sagen dem Diener des Kreuzes: Warte auf die Niederlage. Wir sagen den Ungläubigen und Tyrannen: Wartet, was Euch heimsuchen wird. Wir setzen unseren Heiligen Krieg fort.“ Im somalischen Mogadischu haben zwei Männer eine fünfundsechzig Jahre alte, italienische Nonnen und ihren Bewacher erschossen. Islamische Prediger sollen zuvor zur „Jagd auf den Papst“ aufgerufen haben.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.