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Papst-Debatte : Der Tag des friedlichen Zorns?

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Al Qardawis Ansichten vor allem zur Politik werden in der islamischen Welt umgehend diskutiert. Zum Beispiel als er einem saudischen Gelehrten widersprach, der Sunniten Gebete für die schiitische Hizbullah verbot. Beide Glaubensrichtungen, so Qardawi, basierten auf den gleichen Prinzipien, und so sei es sogar die Pflicht eines jeden Muslims, den Kampf im Libanon zu unterstützen. Überhaupt liegt ihm die Einheit der Gläubigen am Herzen. Besonders außerhalb der islamischen Welt, der „Umma“, sieht er die Gefahr, daß die Muslime vom rechten Weg abkommen. Gestützt auf bestimmte Passagen des Korans, sind viele islamische Gelehrten der Ansicht, daß Muslime nur in der Umma dauerhaft leben dürfen. Nur dort werde die Reinheit ihres Glaubens gewahrt. Qardawi akzeptiert, daß Muslime im Westen leben - solange sie ihren Glauben uneingeschränkt ausüben können.

Ein Ruf als Reformer

Europäischen Muslimen bietet er Rechtsbeistand über den European Council for Fatwa and Research (Europäischer Rat für Gutachten und Forschung) in England. Nichts geht über die Scharia, aber es gibt Wege, sie neben den Rechtsgrundsätzen der verschiedenen Länder zu beachten, meint Qardawi. Der Glaube soll das Leben leicht machen, nicht schwer, heiße es schließlich in der zweiten Sure des Koran. Qardawi läßt bei der Interpretation der religiösen Quellen ein erhebliches Maß an Rationalität zu. Darauf fußt sein Ruf, ein Reformer zu sein. Gleichwohl bietet der Prediger reichlich Angriffsfläche, sein Fundus von Rechtsgutachten, Veröffentlichungen und Interviews ist voller Anfeindungen gegen die Vereinigten Staaten, den Westen und vor allem Israel.

Zu den Äußerungen des Papstes rief Qardawi für den kommenden Freitag zu einem „Tag des friedlichen Zorns“ auf, mit Demonstrationen und Sit-ins. Der Protest solle nicht gewaltsam sein, auch sei der Angriff auf Kirchen verboten. Doch habe sich der Papst noch nicht entschuldigt. „Das ist keine Entschuldigung, das ist ein an die Muslime gerichteter Vorwurf, daß sie seine Worte nicht verstanden haben“, meint der Fernsehprediger. Solange der Papst seine Worte nicht zurückziehe, gebe es keinen Dialog zwischen Muslimen und Christen. Die Botschafter islamischer Staaten im Vatikan sollten schriftlich Protest gegen die Rede Benedikts XVI. einlegen und Veranstaltungen des Vatikans boykottieren. All das sind Mittel des „Protests“, wie wir sie vom Karikaturenstreit her kennen.

Vor dem von Qardawi ausgerufenen „Tag des friedlichen Zorns“ brannten am Wochenende im Irak deutsche Fahnen und eine Papst-Figur. In einer im Internet verbreiteten Erklärung der Terrororganisation Al Qaida heißt es: „Wir sagen dem Diener des Kreuzes: Warte auf die Niederlage. Wir sagen den Ungläubigen und Tyrannen: Wartet, was Euch heimsuchen wird. Wir setzen unseren Heiligen Krieg fort.“ Im somalischen Mogadischu haben zwei Männer eine fünfundsechzig Jahre alte, italienische Nonnen und ihren Bewacher erschossen. Islamische Prediger sollen zuvor zur „Jagd auf den Papst“ aufgerufen haben.

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