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Papst-Buch „Jesus von Nazareth“ : Ratzingers dramatischer Befund

Kein lehramtlicher Akt: Ratzinger-Benedikts „Jesus von Nazareth” (Verlagsplakat) Bild: dpa

Am Freitag wird in Rom das Buch „Jesus von Nazareth“ vorgestellt, eine Biographie des christlichen Religionsstifters, die Josef Ratzinger schon vor seinem Pontifikat zu schreiben begonnen hatte. Das Buch dürfte für die Verständigung der Religionen ein Schrittmacher werden.

          Der literarische Kunstgriff des Papstes besteht darin, ein Buch über „Jesus von Nazareth“ (Herder Verlag) gleichsam als Privatgelehrter verfasst zu haben, also nicht als Benedikt XVI., sondern als Joseph Ratzinger. Geht das überhaupt? Dem Autor scheint klar zu sein, dass das nur zur Hälfte geht. Sein Vorwort hat er jedenfalls vorsichtshalber mit beiden Namen unterschrieben, mit dem bürgerlichen und dem päpstlichen, in dieser Reihenfolge.

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          „Gewiss brauche ich nicht eigens zu sagen, dass dieses Buch in keiner Weise ein lehramtlicher Akt ist“, erklärt Ratzinger-Benedikt. „Es steht daher jedermann frei, mir zu widersprechen. Ich bitte die Leserinnen und Leser nur um jenen Vorschuss an Sympathie, ohne den es kein Verstehen gibt.“ Eine gewinnende Demutsgeste? Ein souveränes Vertrauen darauf, dass dieses Buch auch ohne das Siegel päpstlicher Lehrautorität auskommt, dass es so oder so eine Debatte über die Historizität des christlichen Religionsstifters entfachen wird, innerhalb und ausserhalb des Christentums?

          „Und ich traue den Evangelien doch“

          Man könnte es auch genau andersherum sehen. Man könnte sagen: Es ging gar nicht anders, als aus diesem Buch - dem ersten Teil einer auf zwei Bände geplanten Publikation - ein Privatbuch zu machen. Ein Buch, das Ratzinger vor Antritt seines Pontifikats im Sommer 2003 begann und für dessen Fertigstellung er nach seiner Wahl „alle freien Augenblicke genutzt“ hat. Warum also als Ratzinger und nicht als Benedikt? Wer im Jahre 2007, nach all den Jahrzehnten textkritischer Dekonstruktion der Jesus-Gestalt, seinen Lesern ein flammendes „Und ich traue den Evangelien doch“ entgegenschleudert, der kann das nicht als Papst tun. Der kann das, sofern er breitenwirksam gehört werden und in der Sache überzeugen will, nur als Privatgelehrter tun. Denn zu groß ist die Entzweiung zwischen Lehramt und breiten Strömungen der Theologie gerade in der Frage, wer Jesus überhaupt sein soll. Die spezifische Verklemmung, die man in theologischen Milieus bisweilen wahrzunehmen meint, hat ja nicht zuletzt damit zu tun, dass nicht wenige Theologen, wenn es um die Historizität Jesu geht, ihre Worte mit einem Augenzwinkern zu begleiten scheinen. Stillschweigend scheinen sie einem zu verstehen geben zu wollen: Wir wissen ja selbst am besten, welches intellektuelle Sakrificium wir hier bringen.

          Ratzinger zeichnet einen für seine Religion dramatischen Befund. Als gemeinsames Ergebnis der jüngeren Versuche, den authentischen Jesus zu rekonstruieren, so schreibt er, „ist der Eindruck zurückgeblieben, dass wir jedenfalls wenig Sicheres über Jesus wissen und das der Glaube an seine Gottheit erst nachträglich sein Bild geformt habe. Dieser Eindruck ist inzwischen weit ins allgemeine Bewusstsein der Christenheit vorgedrungen. Eine solche Situation ist dramatisch für den Glauben, weil sein eigentlicher Bezugspunkt unsicher wird“. Der dramatische Befund hat schon rein wissenssoziologisch etwas Einleuchtendes: Wo sich der Gegenstand der Glaubens historistisch buchstäblich von selbst erledigt, kann keiner mehr wissen, was bei entsprechender Glaubensbereitschaft überhaupt zu glauben wäre. In dieser Situation greift Ratzinger auf die alte List aller Historismus-Kritiker zurück, indem er dazu einlädt, den Historismus mit seinen eigenen Mitteln zu schlagen

          Der Christus des Glaubens ist der Jesus der Geschichte

          Sein Buch zielt, wenn man so will, in die Mitte der aktuellen theologischen Verklemmung. Dem Autor geht es um den Nachweis, dass man nicht gegen den Apparat der historisch-kritischen Methode, sondern mit diesem Apparat zu Jesus als dem Fleisch gewordenen Gott kommen kann. „Wenn uns die Zeugen Jesu bekunden, dass Jesus der Sohn ist, dann ist das nicht im mythologischen oder im politischen Sinn gemeint“, so schreibt Ratzinger gegen eine bloß historisch-kritische, weiter nicht theologisch ausgreifende Bibel-Lektüre. „Es ist ganz wörtlich zu verstehen: Ja, in Gott selbst gibt es ewig den Dialog von Vater und Sohn, die beide im Heiligen Geist wirklich ein und derselbe Gott sind.“

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