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Papst-Buch „Jesus von Nazareth“ : Ratzingers dramatischer Befund

Die Methoden der modernen Bibelexegese, welche penibel jesuanische Worte von Jesus nur zugeschriebenen Worten scheiden und jedenfalls die verschiedenen Redaktionen hinter den Evangelisten sichtbar machen möchte - diese Methoden der historisch-kritischen Textarbeit bekräftigt der Autor als „unverzichtbar“, schildert sie im Blick auf eine „eigentlich theologische Interpretation der Bibel“ aber zugleich als ergänzungsbedürftig. Das heißt bei Ratzinger nichts anderes als: Der Christus des Glaubens ist der Jesus der Geschichte - und umgekehrt. Wie sich dieser theologische „Konstruktionspunkt“ so sichern lässt, dass er der historisch-kritischen Methode zumindest nicht widerspricht - das ist die Frage, um die es in dem Buch geht.

Der Autor beruft sich hier zumal auf das vor dreißig Jahren in Amerika entwickelte Projekt der „kanonischen Exegese“, „deren Absicht im Lesen der einzelnen Texte im Ganzen der einen Schrift besteht, wodurch alle einzelnen Texte in ein neues Licht rücken“. So bleibe immer die ganze Bibel als für die Interpretation der einzelnen Stelle maßgebend und zerfalle nicht in zusammenhanglose Texte. Letzlich geht es Ratzinger einmal mehr darum, die Bibel selbst als ein Produkt der mündlichen Tradition auszuweisen. Insofern sei sie in ihrer Auslegung auf die Kirche als das historische „Subjekt“ dieses Überlieferungsgeschehens angewiesen.

Der Glaube im Auge des Zirkels

Würde Ratzinger in dieser für die Substanz des Christentums erheblichen Sache als Papst sprechen, wäre sein Plädoyer wahrscheinlich schnell als Rollenprosa verpufft. Spricht er jedoch, wie er es hier tut, mit dem Lautsprecher des päpstlichen Amtes lediglich als ein Gelehrter unter Gelehrten, der Seinesgleichen ausdrücklich zum Widerspruch einlädt, so ist die Debatte, die er in dieser Frage anstoßen will, umso wahrscheinlicher. Ratzingers literarischer Kunstgriff erweist sich, so gesehen, als ein eminent politischer. Der typisch katholische Zirkel kann und soll mit diesem Kunstgriff nicht verdeckt werden. Dieser Zirkel besteht darin, dem historisch-kritisch schillernden Bibeltext mit einer kirchlichen Auslegungsinstanz sichern zu wollen, welche in ihrem Kern selbst wiederum der historisch-kritischen Zerbröselung enthoben sein soll. Das Buch verhehlt nicht, macht im Gegenteil stark, dass genau im Auge dieses Zirkels der Glaube sitzt. Die zentrale These des Buches lautet hier: „Gewiss, die christologische Hermeneutik, die in Jesus Christus den Schlüssel des ganzen sieht und von ihm her die Bibel als Einheit zu verstehen lernt, setzt einen Glaubensentscheid voraus und kann nicht aus purer historischer Methode hervorkommen. Aber dieser Glaubensentscheid trägt Vernunft - historische Vernunft - in sich.“

Zirkel hin, Zirkel her: Tatsächlich wird man, was die Einschätzung des Buches angeht, sich an das Kriterium halten können, das der Autor selbst bekräftigt hat: die kontroverse fachtheologische Debatte. Sie wird man abwarten müssen. Auf sie wird man gespannt sein dürfen.

Rückkehr des metaphysischen Ernsts

Schon heute freilich ist zu erwarten, dass diese Debatte unter dem deutschen Pontifikat populären Schwung gewinnen und so nicht nur für die Selbstverständigung des Christentums, sondern auch für den Dialog der Religionen neue inhaltliche Maßstäbe setzen wird. Ratzingers Buch, das der Gestalt Jesu im Durchgang durch die Lebensstationen bis zur Verklärung auf dem Berg Tabor Kontur verleiht, könnte sich als ein Schrittmacher für das Toleranzverständnis der zusammenwachsenden Kulturen entpuppen. Für ein Toleranzverständnis, das bei allem Suchen nach Gemeinsamkeiten die Unterschiede der Positionen gerade nicht verwischt, sondern ausstellt.

„Jesus von Nazareth“ ist ein Buch, dem man zweierlei wird nachsagen können: Es belebt die Auseinandersetzung um die Substanz einer Weltreligion, reisst diese Weltreligion aus den Verflachungen eines sich bloß humanitär und ethisch begreifenden Projekts heraus. Der metaphysische Ernst von Religion erhält wieder einen Bezugspunkt. Das ist ein nicht hoch genug zu veranschlagendes Verdienst dieses Buches. Mit derselben Schärfe tritt freilich auch das Prekäre aller Versuche, den Glauben als „vernünftig“ darzulegen, in den Blick. Überspitzt könnte man es vielleicht so sagen: Wenn die Vernunftgemäßheit der christlichen Gottesidee jetzt von irgendwelchen neueren amerikanischen Exegesemethoden abhängen sollte, die man „kanonisch“ nennt, dann spricht das vielleicht eher dafür, dass man die Vernünftigkeit des Glaubens nicht strapazieren sollte. Methoden kommen und gehen. Ein Gott stört sich nicht weiter dran.

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