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Datenbank zu „Panama Papers“ : Papier für Voyeure

Und es ward Licht: Die ICIJ Offshore Leaks Datenbank ist ein gewagtes Versprechen. Bild: ICIJ

Auszüge aus den „Panama Papers“ stehen als Datenbank im Netz. Vor Kriminalisierung wird gewarnt. Doch was als Akt der Transparenz gemeint ist, schürt lediglich Ressentiments.

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          Politiker, Prominente, Kriminelle! Der Gestus, mit dem das International Consortium of Investigative Journalists (ICIJ) Anfang April seine Sensationen anpries, erinnert an den Rummelplatz. Ein Informant hatte dem Zusammenschluss über die „Süddeutsche Zeitung“ einen 2,6 Terabyte großen Datensatz von 11,5 Millionen Dokumenten der Kanzlei Mossack Fonseca aus El Salvador zugespielt: Unterlagen zu Tausenden von Briefkastenfirmen, über die sich Geschäfte abwickeln, Vermögen auslagern und Steuern vermeiden lassen. Schnell ging es um bekannte Namen. Der isländische Ministerpräsident musste zurücktreten, der britische Premierminister geriet ebenso unter Rechtfertigungsdruck wie die Präsidenten der Ukraine und Argentiniens, ein deutscher Formel-1-Fahrer und ein argentinischer Fußballstar, Angehörige des chinesischen und Vertraute des russischen Präsidenten.

          Er habe „sich dazu entschlossen, Mossack Fonseca dem Urteil der Weltöffentlichkeit auszusetzen“, schrieb der Informant in der „Süddeutschen Zeitung“ vom 6. Mai, weil er der Meinung sei, „dass die Kanzleigründer, Angestellten und Kunden für ihre Rolle bei diesen Verbrechen zur Rechenschaft gezogen werden sollten.“ Auch wenn nach ICIJ-Angaben mehr als 370 Journalisten aus fast 80 Ländern schon seit mehr als einem Jahr lang die Daten ausgewertet haben: Es werde weitere Jahre, vielleicht Jahrzehnte dauern, bis alles, was der Datensatz berge, ans Licht gekommen sei.

          Briefkastenfirmen sind doch kein Verbrechen

          Vielleicht um die Sache zu beschleunigen, hat das ICIJ gleich am nächsten Werktag eine Datenbank mit Ausschnitten der „Panama Papers“ und des „Offshore Leaks“ aus dem Jahr 2013 veröffentlicht, zur Recherche - auf eigene Faust, für jedermann. Sie enthält nach Angaben des ICIJ eine große Menge an Informationen über Firmenbesitzer, Stellvertreter und Mittelsmänner in geheimer Zuständigkeit, allerdings keine Bankdaten, keinen E-Mail-Verkehr und keine Finanztransaktionen.

          Wie sich der Ton doch ändern kann: Wer die Datenbank unter der Adresse https://offshoreleaks.icij.org aufruft, muss als erstes anerkennen, was die bisherigen Veröffentlichungen aus dem Konvolut zumeist missachten. Dass es nämlich gute Gründe für den Besitz einer Briefkastenfirma geben kann. „Wir wollen nicht unterstellen, dass irgendwelche Personen, Unternehmen oder andere Rechtsträger, die in der ICIJ Offshore Leaks Datenbank vorkommen, Gesetze gebrochen oder sich auf andere Weise unzulässig verhalten haben“, heißt es auf einem Banner über der Website. Nur wer bestätigt, diese Bedingungen gelesen und auch verstanden zu haben, erhält Zugang.

          Knapp 390 Adressen aus Deutschland, gut ein Dutzend in zuweilen kurioser Schreibweise allein aus Frankfurt bietet die Datenbank an, in besten wie in unauffälligen Lagen. Einen Klick weiter finden sich die unter dieser Adresse eingetragenen Namen von Firmen wie Privatpersonen, die Verknüpfung zu den Offshore-Aktivitäten und das Angebot, sie gleich bei Google Maps aufzurufen: Banken, Büro- und Wohnhäuser weist die Suchmaschine aus, Kanzleien und Finanzdienstleister sind hier zu finden, Werkstätten ebenso wie Sushi-Restaurants.

          Unterstellung unvermeidlich, Nachweis unmöglich

          Politiker und Prominente werden die wenigsten der namentlich Genannten sein, auch Kriminelle, steht zu hoffen, sind hier nicht gleich en masse vertreten. Und doch gilt beim Blick in die vielen Verknüpfungen, die diese Datenbank ausweist, keineswegs die Unschuldsvermutung, auf die sich unser Rechtssystem so viel zugute hält. Irgendetwas müssen die hier Aufgelisteten doch wohl zu verbergen haben, wie sonst sollen sie in dieser Datenbank gelandet sein, insinuiert der Zusammenhang. Dabei geht es längst nicht allein um Personen der Zeitgeschichte, an deren Verhalten es ein öffentliches Interesse geben mag. Vielleicht kennt man ja jemanden persönlich? Wie steht es um Nachbarn, Freunde, Verwandte oder den unsympathischen Kerl neulich, der so großspurig aufgetreten ist? Man könnte sich auch die Adressen genauer ansehen: Wie wäre es, einfach mal vor der einen Villa auf die Klingelschilder zu schauen? Oder gleich einmal zu gucken, ob jemand da ist? Was er wohl sagen würde, wenn das Stichwort „Panama Papers“ fällt? Es sind gewiss nicht die edelsten Reflexe, die diese Datenbank bedient, und ihnen werden sicher nicht nur Boulevardjournalisten schwerlich widerstehen können.

          Steuerhinterziehung ist eine Straftat, und die „Panama Papers“ enthalten nach den Worten ihres Lieferanten Hinweise auf noch weiterreichende Gesetzesverstöße. So eindeutig im öffentlichen Interesse liegt, sie aufzudecken und weitere künftig zu verhindern: Dass die Daten in einer entschärften Form, die aus gutem Grund keinen Nachweis einer Straftat ermöglicht, dafür aber Unterstellungen nahelegt, allen zugänglich gemacht werden, kann nicht zum Wohl der Allgemeinheit geschehen.

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