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Gespräch über Palliativmedizin : Gegen die Angst hilft Empathie

Auf den Patienten hören und darauf, was er selbst als gut und richtig empfindet: Dierk Vagts in seinem Büro im Krankenhaus Hetzelstift in Neustadt/Weinstraße Bild: Julia Zimmermann

Das Lebensende ist mit Ängsten besetzt. Vor allem das Sterben als schwerkranker Patient im Krankenhaus. Dabei kann die Palliativmedizin vieles lindern. Ein Gespräch mit dem Arzt Dierk Vagts.

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          Herr Vagts, auf Ihrer Palliativstation begleiten Sie todkranke Patienten in ihrer letzten Lebensphase. Nun soll ein Gesetz die Sterbehilfe neu regeln. Begegnen Ihnen oft Patienten, die ihr Leben vorzeitig beenden wollen?

          Karen Krüger

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Es kommt immer wieder vor, dass ein neu aufgenommener Patient den Wunsch nach assistiertem Suizid äußert oder ankündigt, möglicherweise in die Schweiz zu reisen.

          Wie reagieren Sie und Ihr Team darauf?

          Wir sagen dem Patienten, dass wir seinen Wunsch nachvollziehen können. Dass wir wissen, wie viel er schon durchgemacht hat, und dass wir ihm nicht im Wege stehen werden, sollte er sich für die Reise in die Schweiz entscheiden. So weit gehen wir im Gespräch. Wir wenden aber ganz klar ein, dass eine solche Entscheidung nicht zu früh getroffen werden sollte, und ergründen, warum genau der Patient Suizidgedanken hat. Oft wurzeln diese in Ängsten, die wir nach und nach ausräumen können. Die Suizidabsicht löst sich dann auf. Wir haben noch nie erlebt, dass jemand daran festgehalten hat.

          Trotzdem gibt es doch sicherlich Patienten, die ihr Leben aufgrund von starken Schmerzen nicht mehr ertragen wollen.

          Die Grenze der Belastungsfähigkeit ist für viele irgendwann erreicht. Weil sie vielleicht einen Tumor haben oder offene Wunden, nicht mehr schlafen können, sich aber unendlich nach Ruhe sehnen. Für sie gibt es die Möglichkeit der sogenannten therapeutischen Sedierung: Der Patient wird zeitweise in eine Art Dämmerschlaf versetzt. Das muss zuvor aber sehr intensiv mit ihm, seiner Familie und dem Pflegeteam besprochen worden sein und erfordert viel Vertrauen. Die therapeutische Sedierung verschafft dem Patienten ein wenig Luft, nimmt den Druck. Meistens sedieren wir zunächst für eine Nacht, der Patient wacht am nächsten Morgen ganz entspannt wieder auf, hat endlich einmal wieder tief und fest geschlafen. Die meisten sagen: Das war wunderbar, das möchte ich abermals, sollte die Situation wieder unerträglich werden. Im Extremfall und auf Wusch kann auch so sediert werden, dass der Patient dauerhaft im Dämmerzustand bleibt. Anderen genügt eine einmalige Sedierung. Sie wollen danach alles wieder bei vollem Bewusstsein erleben.

          Was kann Palliativmedizin? Gegner des assistierten Suizids argumentieren, dass eine flächendeckende palliative Versorgung diesen obsolet machen würde.

          Das Wort Palliativ leitet sich ab von dem lateinischen „pallidum“, der Mantel, etwas wird umhüllt. Medizinisch meint das, Symptome wie Übelkeit, Schmerzen oder Luftnot zu kontrollieren. Die Krankheit soll ertragbar werden. Mitunter ist jedoch nur eine Linderung möglich. Der englische Begriff palliative care gefällt mir persönlich besser, weil er neben der medizinischen auch die psychosoziale Seite der Behandlung berührt. Nur durch deren Kombination lässt sich die Lebensqualität der Patienten in der Phase des Sterbens erhöhen.

          Lebensqualität und Sterben klingt als Begriffspaar ziemlich paradox. Zumal es sich bei den Patienten auf Ihrer Station um Schwerkranke handelt.

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