https://www.faz.net/-gqz-r0au

Palast der Republik : Launiger Abenteuerspielplatz für urbane Alpinisten

  • -Aktualisiert am

Aufbau vor Abriß: Montagearbeiten am „Berg” Bild: dpa/dpaweb

Die frohe Gewißheit, in Berlin werde die Hohenzollernresidenz wiedererrichtet, ist seit 2002 verweht wie eine Sandburg im Sommerwind. Im Palast der Republik wird die Ratlosigkeit am Schloßplatz für alpinen Humbug genutzt.

          4 Min.

          Doch, doch, es hat wirklich einmal einen Moment gegeben, da schien die Rekonstruktion des 1950 gesprengten Berliner Stadtschlosses gewiß. Nach jahrelangen Debatten, nach wüsten Polemiken und teils verzweifelten Gegenvorschlägen war es den Schloßfreunden um Wilhelm von Boddien gelungen, die Öffentlichkeit für ihre historisierende Vision zu gewinnen. Die Kritik, die das Vorhaben einer Wiederaufrichtung barocker Prunkfassaden anfangs nur belächelt hatte, verstummte, Politiker aller Parteien warben begeistert für die Idee, und im Juni 2002 beschloß der Deutsche Bundestag mit erstaunlicher Mehrheit die Wiedererrichtung der Hohenzollernresidenz. Seither jedoch ist die frohe Gewißheit verweht wie eine Sandburg im Sommerwind.

          Tatsächlich trug der Konsens, den das Parlament im Dezember 2003 noch einmal bekräftigte, schon bei seiner ersten Verkündung den Keimpilz der Auflösung in sich, und heute, drei Jahre später, ist die Schloßrekonstruktion annähernd so ungewiß wie Mitte der neunziger Jahre. Allenfalls der Abriß des entbeinten und ausgeschabten Palastes der Republik scheint derzeit halbwegs festzustehen, in den sich zwischenzeitlich die Berliner Partyszene und allerlei Kunstaktivisten eingenistet haben. Was aber auf den für das Jahresende angekündigten Abriß folgt, ob er zu mehr führt als zu einer Verdoppelung der Leere in der Mitte der Hauptstadt, das ist eine Frage, auf die es nur vage Antworten gibt.

          Wenn dann noch genug Geld da ist

          Erstaunlicherweise nämlich geriet das anfangs so überzeugende Konzept einer kulturellen Nutzung des Schloßplatzes durch die Staatlichen Museen, die Humboldt-Universität und die Berliner Landesbibliothek immer blasser, je länger darüber diskutiert wurde und je mehr private Interessen ihm aufgebürdet werden sollten. Zuletzt hat der scheidende Bundesbauminister Stolpe in einem Gespräch mit dem Berliner "Tagesspiegel" noch einmal von den Segnungen des public private partnership schwadroniert, von den Vorzügen einer Verbindung von kommerziellen und öffentlichen Interessen am Schloßplatz also. Sie werde "selbst den Finanzminister leichter ansprechbar" machen für das Projekt. Und "wenn dann noch genug Geld da ist", schob Stolpe beiläufig nach, "kann man die historische Fassade wiederherstellen". Lässig wischte der Minister damit einen Bundestagsbeschluß beiseite. Der Machbarkeitsstudie seines Hauses für den Schloßplatz, deren Präsentation Stolpe für die nächsten Wochen angekündigt hat, kann man da nur mit einigem Grausen entgegensehen.

          Aufbau vor Abriß: Montagearbeiten am „Berg” Bilderstrecke

          Notwendig muß nämlich eine Beteiligung privater Investoren, sollte sich nicht wider Erwarten ein großmütiger Mäzen finden, zur Ausweitung renditeträchtiger Nutzungen auf Kosten der kulturellen Interessen führen: mall statt Museum also. Es wäre eine Karikatur dessen, was ursprünglich für den Schloßplatz erhofft wurde. Freilich war auch diese mögliche Perversion dem Projekt schon früh eingeschrieben. Dem beherzten und allseits stolz verkündeten Beschluß des Bundestages nämlich, den Palast der Republik abzureißen, den Schloßplatz mit einem Gebäude in der Kubatur des Stadtschlosses zu bebauen und diesem Neubau originalgetreue Repliken der historischen Fassaden vorzublenden, folgte nicht der zwingende nächste Schritt. Nie wurde die Finanzierung für das beispiellose Unternehmen sichergestellt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Kraftwerksabschaltungen : Vor dem Ausstieg

          Deutschland will keine Kern- und Kohlekraft mehr, deshalb haben Karrieren hier eine kurze Halbwertszeit. Wer macht das noch und warum? Ein Besuch im Kraftwerk.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.