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Pädophilie : Knoten im Kopf

  • -Aktualisiert am

Ist Pädophilie therapierbar? Klaus Michael Beier Bild: ddp

Was tut man mit Männern, die von der Neigung heimgesucht werden, die sie zu Kinderschändern machen könnte? An der Charité in Berlin forscht ein Professor, der Pädophilen zur Kontrolle ihrer Impulse verhelfen will.

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          Der mutmaßliche mehrfach wegen Kindesmissbrauch vorbestrafte Mörder des neunjährigen Mitja ist gefasst. Laut der Kriminalstatistik der Polizei werden jährlich rund zwanzigtausend Kinder Opfer sexueller Übergriffe. Die Dunkelziffer soll viel höher liegen. Die meisten Täter sind Männer. Zur Gruppe der Täter gehören Männer, die ihre pädophile Neigung ausleben und sich sexuell an Kindern vergehen. Es gibt eine Studie („Dangerous sex offenders. A Task-Force Report“, Washington DC 1999), nach der mehr als drei Viertel aller untersuchten sexuellen Kindesmissbraucher nicht pädophil sind. Pädophilie nennt man die sexuelle Vorliebe für vorpubertäre Kinderkörper.

          Ich habe viele heterosexuelle Freunde, einige homosexuelle Bekannte. Doch einen Freund, der eine pädophile Neigung hat, habe ich nicht, und ich kenne in meinem Bekanntenkreis keinen Pädophilen. Ich weiß nicht, wie ich darauf reagieren würde, wenn ein Freund, wenn ein Bekannter sich mir als Pädophiler zu erkennen gäbe. Wahrscheinlich würde ich mich von ihm zurückziehen. Wahrscheinlich würde ich mit ihm nichts mehr zu tun haben wollen.

          Ihr müsst wissen, was euch Lust macht

          Ich habe von allen möglichen sexuellen Vorlieben und Praktiken zwischen Männern und Frauen gehört und gelesen, und sogar bei Unterwäsche- und Strumpffetischisten kann ich mir vorstellen oder, besser gesagt, meine ich mir vorstellen zu können, was einen Mann wahrscheinlich dazu treibt, vor Nylonstrümpfen in die Knie zu gehen und wildfremde Frauen im Bus oder sonstwo darauf anzusprechen, ob sie ihm nicht ihren Strumpf geben möchten. Ich denke mir: Solange ihr beide das freiwillig macht, mag das alles irgendwie im Rahmen sein. Ihr seid alt genug, ihr müsst wissen, was euch beiden Lust macht.

          Wenn aber Männer davon träumen, sexuellen Kontakt mit Kindern zu haben, bin ich mit meiner Vorstellungskraft am Ende. Ich verstehe das sexuelle Verlangen nach Kindern nicht. Vielleicht ist es sogar so: Ich möchte mit Menschen, die diese sexuelle Neigung haben, nichts gemein, ich möchte mit ihnen nichts zu tun haben. So schnell kann das sogenannte gesunde Empfinden gegenüber einem Mann mit pädophiler Vorliebe reagieren, einem Mann, der seine Vorliebe gar nicht an Kindern auslebt. Aber kann denn dieser oder jener Mann etwas für seine pädophile Neigung?

          Das ist er, der Trieb

          An dem Tag, als ich zu Professor Klaus Michael Beier ging, habe ich morgens in einer Zeitung direkt unter einem groß aufgemachten Bericht über die Festnahme von Mitjas mutmaßlichem Mörder eine kurze Meldung gelesen, in der berichtet wurde, dass eine Mutter ihre vier Kinder, einen Sohn und drei Töchter, mit einem Messer erstochen habe. Vier Kinder, erstochen mit dem Messer! Man denkt: Not, Zwang, vielleicht auch Wahn haben die Frau wahrscheinlich dazu gebracht. Medea und Konsorten. Denkt man aber an einen Kindesmissbraucher, ahnt man dunkel nur eins: Das ist er, der Trieb. Zeitungsberichte über Kindesmissbraucher legen einem dann die Frage nahe: Sind Pädophile tickende Zeitbomben?

          Professor Beier sagt: Pädophile, die zu ihm kommen, weil sie therapeutische Hilfe suchen, haben meistens die Hoffnung, dass sie von ihren sexuellen Vorlieben geheilt werden können. Beier leitet das Institut für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin des Universitätsklinikums Charité in Berlin. Er ist promovierter und habilitierter Mediziner, Psychoanalytiker, und in Philosophie hat er auch noch seinen Doktor gemacht. Das erste, was er den Männern sage, die zu ihm kommen, sei, dass es für sie keine Heilung gebe. Man könne seine sexuellen Neigungen nicht einfach verändern. Diese Neigungen seien neuronal „verdrahtet“. Das passiert in der Pubertät. Ich kann mir unter einer neuronalen Verdrahtung sexueller Neigungen nicht mehr vorstellen als einen Knoten im Gehirn.

          Woher kommen die Phantasien?

          Jedem sexuellen Verhalten, auch dem sexuellen Übergriff auf ein Kind, sagt Beier, gingen Phantasien voraus. Das heißt nun allgemein: Wenn man weiß, welche Phantasien einen erregen, dann weiß man auch, welche sexuellen Neigungen man hat. Woher kommen diese Phantasien? Ich sehe jetzt erst einmal nur so etwas wie Raben vor großen weißen Feldern aufsteigen und sich im Gehirn niederlassen. Irgendwann sehen diese Raben dort wie schwarze Knoten aus.

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