https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/paedophilie-in-frankreich-autor-schreibt-ueber-sex-mit-kindern-16583098.html

Pädophilie-Skandal : Er schrieb über seinen Sex mit Kindern

Mittlerweile wurden Ermittlungen gegen den heute 83 Jahre alten Gabriel Matzneff aufgenommen. Bild: AFP

In seinen Büchern ließ sich der französische Schriftsteller Gabriel Matzneff jahrelang über seine Vorliebe für Sex mit Minderjährigen aus. Jetzt hat die Pariser Staatsanwaltschaft endlich Ermittlungen gegen ihn aufgenommen.

          3 Min.

          Im Jahr 1977 erschien in „Le Monde“ ein Aufruf, in dem die Aufhebung des französischen Verbots der Pädophilie gefordert wurde. Anlass war ein Prozess wegen Unzucht mit Zwölfjährigen. Unterzeichnet hatten den Text Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir, Louis Aragon, Roland Barthes, Gilles Deleuze. Auch Jacques Derrida, Françoise Dolto, Louis Althusser, André Glucksmann, Philippe Sollers und Catherine Millet. Die späteren Minister Bernard Kouchner (Ärzte ohne Grenzen) und Jack Lang, die emblematische Figur der linken Kulturpolitik, zählten gleichfalls zu den Unterzeichnern.

          Jürg Altwegg
          Freier Autor im Feuilleton.

          „Es reicht“, forderte die Petition: „Drei Jahre Gefängnis für Zärtlichkeiten und Küsse ohne Gewalt“ drohten den Angeklagten. Es ging um Fellatio und Masturbation. Die Strafen wurden auf Bewährung ausgesprochen. Ihre Unterschrift verweigert hatten Marguerite Duras, Hélène Cixous und Michel Foucault.

          „Macht aus euren Wünschen Wirklichkeit“, forderten im Mai 1968 Pariser Mauerinschriften. Die Polizei der Republik wurde als Nazi-Truppe verhöhnt: „CRS = SS“. Die Intellektuellen der literarischen Avantgarde – Barthes, Sollers – reisten in die Volksrepublik China und huldigten dem Maoismus. Foucault, der die Gefängnisse und psychiatrischen Kliniken leeren wollte, begrüßte die „immaterielle Revolution“ des geistlichen Führers Chomeini, der den Schah von Persien gestürzt hatte. Der Philosoph Jean-Paul Sartre besuchte den „Widerstandskämpfer“ Andreas Baader in Stammheim und gab dem Attentat auf die israelischen Olympiateilnehmer 1972 in München seinen Segen. Als die Roten Khmer von Pol Pot, der in Paris studiert hatte, die Macht in Kambodscha eroberten, titelte „Libération“: „Die Fahne des Widerstands weht über Phnom Penh“.

          Jahrelang führte diese damals maoistische Zeitung den Kampf für die Freiheit der Pädophilie. Er war die Speerspitze des Engagements für die Emanzipation der Minderheiten und gegen alle Normen. Transgression und Subversion lösten als intellektuelle Imperative den Marxismus und die Revolution ab, deren Überwindung auf das Delirium der späten Siebziger zurückgeht. Auch mit den Juden und ihrem Schicksal in den „Verbrennungsöfen“ verglich ein damals prominenter Intellektueller die Pädophilen.

          In „Le Consentement“ veröffentlicht Vanessa Springora ihre Version der Geschichte.
          In „Le Consentement“ veröffentlicht Vanessa Springora ihre Version der Geschichte. : Bild: AFP

          Formuliert hatte den Aufruf in „Le Monde“ der Schriftsteller Gabriel Matzneff, den auch Mitterrand verehrte. Detailliert beschreibt Matzneff in seinen Tagebüchern seine sexuellen Beziehungen mit Kindern beiderlei Geschlechts. Mehrfach war der eloquente Monsieur in Bernard Pivots legendärer Schriftsteller-Talkshow zu Gast. In Matzneffs Anwesenheit thematisierte die kanadische Schriftstellerin Denise Bombardier seine kriminellen sexuellen Neigungen – und wurde prompt vom Pariser Literaturbetrieb exkommuniziert. Am heftigsten griff damals die junge Christine Angot, deren autobiographischer Roman „L’Inceste“ noch nicht erschienen war, Bombardier an: Literaturfeindlichkeit warf sie ihr vor, den Schriftsteller Matzneff wolle sie vernichten. 2014 bekam er den Renaudot-Essay-Preis, ein weiteres Tagebuch erschien im November 2019.

          Die Zeitbombe explodierte kurz darauf. Unter dem Titel „Die Einwilligung“ (Le Consentement) veröffentlichte Vanessa Springora ihre Version der Geschichte. Sie war damals dreizehn und stolz darauf, als sie von dem über fünfzigjährigen Schriftsteller seinerzeit verführt wurde. Inzwischen ist die heute Siebenundvierzigjährige eine erfolgreiche Verlegerin. Bernard Pivot hat sein Bedauern ausgedrückt, Gallimard den Verkauf der Tagebücher von Matzneff gestoppt, der Kulturminister die Bezahlung einer Rente ausgesetzt und die Justiz ein Verfahren eingeleitet. Pascal Bruckner versucht zu erklären, warum er die Petition unterschrieben hatte. Diesmal attackiert Christine Angot, die inzwischen auf gefühlten fünfzig Seiten die Fellatio ihres Vaters beschrieben hat, den Schriftsteller auf einer ganzen Seite in „Le Monde“: Er habe seine Wünsche rücksichtslos der Wirklichkeit aufgedrängt. Besser kann man den Paradigmenwechsel zwischen zwei Epochen nicht illustrieren.

          Es war die Zeit einer kulturellen Regression mit der Pädophilie als Tabu, das fallen musste. „In Frankreich ist die Macht der Literatur absolut“, kommentiert der Historiker Jacques Julliard in „Marianne“, ein „bandenmäßig organisiertes Pariser Milieu“ habe sie konfisziert. Dass sich die Intellektuellen bereitwilliger als die Kirche mit ihren ideologischen Irrtümern und ihrer Propaganda für das Verbrechen Pädophilie auseinandersetzen würden, wird nach der „Affäre Matzneff“ niemand mehr behaupten wollen. Für Julliard begann in den siebziger Jahren Frankreichs Niedergang auch als kulturelle Großmacht. Jetzt hat die Pariser Staatsanwaltschaft Ermittlungen gegen den heute 83 Jahre alten Matzneff aufgenommen.

          Weitere Themen

          Auf Lastenfahrradjagd

          Kinderbuch von Frida Nilsson : Auf Lastenfahrradjagd

          Eine herrlich dramatische Reise mit einem verloren geglaubten Freund: Frida Nilssons Kinderbuch „Krähes wilder Piratensommer“ zieht alle Register.

          Zur Feier des Autos

          Architektur für den Pkw : Zur Feier des Autos

          Schlachtfelder der Nachkriegsmoderne: Ulrich Brinkmann legt eine Sammlung von Postkarten deutscher Städte vor. Sie zeigen, wie der urbane Raum zwischen 1949 bis 1989 für den Verkehr zugerichtet wurde.

          Topmeldungen

          Die Führungsspitze um Adobe-Vorstandschef Shantanu Narayen (rechts im Bild)

          Bildbearbeitung mit KI : Hype um Firefly euphorisiert Adobe

          Adobe setzt seit Jahren auf KI. Mit Firefly testet der Photoshop-Konzern nun ein System, das nicht nur in den sozialen Medien für hohe Wellen sorgt.
          Der ehemalige „Bild“-Chef Julian Reichelt

          Vorwurf der Täuschung : Springer will von Reichelt 2,2 Millionen Euro

          Der Springer-Verlag verklagt den früheren „Bild“-Chef Julian Reichelt. Er habe gegen seinen Abfindungsvertrag verstoßen. Reichelts Anwalt weist die Vorwürfe zurück – und gibt Einblick in Springers angebliche Methoden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.