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Scheidungen : Behalt’ das Auto, ich will den Burgunder

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Oder direkt auf die Bank damit: In Frankfurt kann man seinen Wein professionell in der Weinbank lagern lassen. Bild: Helmut Fricke

Früher war guter Wein eher der Oberschicht vorbehalten. Heute streitet auch die Mittelschicht bei Scheidungen um den Wert des gemeinsamen Weinkellers. Sind wir materialistischer geworden?

          Im alten Rom verantwortete die Ehefrau die Schlüssel des Hauses bis auf den zum Weinkeller. Dieser war ausgenommen, denn weiblicher Genuss von Wein galt als verrucht. Deshalb wird die Verfälschung der Schlüssel, die Männer seinerzeit neben Giftmischerei, Ehebruch und Unterschiebung eines Kindes als Scheidungsgrund geltend machen konnten, gemeinhin auf die Schlüssel zum Weinkeller bezogen. Plinius berichtet in seiner Naturgeschichte, dass Romulus einen gewissen Egnatius Mecennius des Mordes an seiner Frau freisprach, die sich aus seinem Weinkeller bedient hatte, und in den Annalen von Fabius Pictor ist nachzulesen, dass eine Frau von ihren Verwandten zum Hungertod verurteilt wurde, weil sie eine Truhe aufgebrochen hatte, um in den Besitz des Schlüssels zum Weinkeller zu kommen. Dieser war in den Augen der Männer offenbar symbolhaft für unsittliches Benehmen der Gattin.

          Im Zeitalter der Gleichberechtigung wird der Önophilie bei Scheidungsverhandlungen eine andere Bedeutung beigemessen, die ebenso wie jetzt veröffentliche Zahlen, wonach jeder zehnte Brite mehr als eine Immobilie besitzt, zeigt, wie viel reicher und materialistischer wir geworden sind. Nach Auskunft einer führenden britischen Familienrechtskanzlei steigt die Zahl mittelständischer Paare, die sich nicht nur um das Sorgerecht für die Kinder, die Zuordnung des Hundes und um Wertgegenstände wie Kunst oder Oldtimer streiten, sondern auch um die Weinsammlung. Früher war guter Wein eher der Oberschicht vorbehalten, die seit Jahrhunderten Bordeaux, Champagner und Portwein bevorzugte. Der soziale Wandel hat das Weintrinken demokratisiert. Wohlstand und Statusbewusstsein haben den Geschmack von breiteren Schichten verfeinert.

          Der Weinkonsum ist zwar mengenmäßig zurückgegangen, doch geben sich die Briten immer weniger mit Billigweinen ab. Zunehmend edlere Tropfen finden sowohl an der Tafel Gefallen als auch als Wertanlage in einer Zeit, in der das sinkende Vertrauen in die Kapitalmärkte Investoren zur Diversifizierung veranlasst. Firmen locken zumal in Hinblick auf das rapide steigende Interesse des ostasiatischen Marktes mit der Aussicht auf Renditen in zweistelliger Höhe und mit Steuervorteilen, denn auf Wein entfällt in der Regel keine Kapitalertragssteuer. In einem Dutzend von 360 Scheidungsfällen, mit der die Kanzlei im vorigen Jahr befasst war, sind zusätzliche Kosten und Verzögerungen entstanden, weil sich die Paare nicht über den Wert ihres Weinbestandes einigen konnten. Immerhin gibt es Trost. Im Weinhandel werden Flaschen mit individualisiertem Etikett für frisch Geschiedene angeboten, die ihren neuen Stand mit Champagner oder Wein begießen wollen.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

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