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Oswald Wiener und die KI : Silicon Valley simuliert nur

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Zu österreichisch, um Fürsprecher des Menschen zu sein: Oswald Wiener, 1968. Bild: Picture-Alliance

Im Silicon Valley werde zu fix von „Lernen“ und „Intelligenz“ gesprochen, konstatiert Oswald Wiener: „Diese Leute san kaltblütig.“ Der Kybernetiker zu Gast an der Kölner Kunsthochschule für Medien.

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          Hat der Cyberspace einen Notausgang? Oder überhaupt einen Ausgang? Nein? Das unterscheidet ihn dann schon einmal von der überfüllten Aula der Kölner Kunsthochschule für Medien, deren Rektor Hans Ulrich Reck seine Begrüßung mit feuerpolizeilichen Hinweisen beginnen musste. Einen Eingang hat der Cyberspace freilich, und es war der auch jenseits der achtzig noch höchst agile Stargast dieser Veranstaltungsreihe, der Kybernetiker, Sprachtheoretiker, Musiker, Avantgardepoet, Kneipier, Kunstprofessor und Querdenker Oswald Wiener, der ihn vor einem halben Jahrhundert als einer der Ersten spielerisch erkundet hat.

          Zwar hatte der Schriftsteller Stanislaw Lem das Konzept der virtuellen Realität unter der Bezeichnung „Phantomatik“ bereits zuvor skizziert, aber Wieners Modell des „Bioadapters“, das er 1969 in einem ungestüm anarchischen Buch, dem sprach-, kultur- und konsumkritischen Geniestreich mit dem Titel „die verbesserung von mitteleuropa, roman“, entwickelte, scheint direkt auf heutige Datenbrillen und ähnliche Techniken zu verweisen. Das menschliche Gehirn wird durch einen Apparat, der die sonst qua Wahrnehmung produzierten Datenströme simuliert, vollständig von der realen Welt entkoppelt. So wäre natürlich auch maximaler Lustgewinn möglich. Hier mischte sich die Ironie mit Zynismus: Mitteleuropa wäre verbessert, weil es den Menschen losgeworden wäre, der sich gewissermaßen ins Nirwana orgasmierte. Ein Schelm, wer dabei an das Internet denkt.

          Ungenießbare Beobachtungen

          Wiener, der spät noch Informatik in Berlin studierte, hat sich dann eingehend mit Alan Turings Ideen zur künstlichen Intelligenz befasst. Als blinder Fleck der gesamten KI-Forschung gilt ihm heute die mangelhafte Kenntnis des menschlichen Denkprozesses, der als unabhängig von der Sinnlichkeit gedacht werde. Auch der Mathematiker Roger Penrose vertritt seit langem die Meinung, Computer würden nie die Dimension menschlicher Intelligenz erreichen, argumentiert aber vornehmlich technisch. Wiener kommt von der anderen Seite her und möchte den Denkvorgang selbst erfassen. Er und seine Mitstreiter haben dafür mit einer Chuzpe, die man vielleicht nur im Halbakademischen findet, die Methode der Selbstbeobachtung reaktiviert. Die in der Frühzeit der Psychologie gängige Introspektion gilt eigentlich als erledigt, seit die Behavioristen sie vor hundert Jahren zurückgewiesen haben.

          Es wurde deutlich in Köln, dass mit Selbstbeobachtung nicht neurowissenschaftliche Hirnvermessung gemeint ist, sondern alerte Versenkung ins Bewusstsein und tentative Annäherung an normalerweise unsichtbar bleibende Windungen im Erkenntnisvorgang. Einzelne Beobachtungen wollte der Gast nicht mitteilen, „weil ich aus bitterer Erfahrung weiß, dass das ungenießbar ist“ (nachlesen lassen sie sich in dem von Thomas Eder und Thomas Raab bei Suhrkamp herausgegebenen Band „Selbstbeobachtungen. Oswald Wieners Denkpsychologie“). Er stellte aber einen belletristisch in Richtung von Platons Höhlengleichnis zugespitzten „Abklatsch“ zur Diskussion: Nachts im Bett liegend nimmt ein Beobachter Lichterscheinungen an der Wand wahr, deren Ursache – die Scheinwerfer vorüberfahrender Autos – ihm so gegenwärtig ist, dass das Wahrgenommene für ihn mit der Ursache in eins fällt und von Beginn an keine reine Lichterscheinung darstellt.

          Dumm auf hohem Niveau

          Für Wiener besteht darin das Charakteristische des Erkenntnisprozesses. Der Mensch sei gar nicht in der Lage, rein einem Algorithmus zu folgen. Stets laufe in ihm ein „rekursives Verfahren“ ab, eine von Stimmungen beeinflusste Einordnung von Sinnesdaten in Vorgängiges, ein permanentes Abstimmen von Zusammenhängen im Hintergrund: „Ich höre dieses gesamte Wissen quasi ständig in mir summen, ohne dass es in irgendeiner Weise konkret wird.“ Man hört hier auch die Gestalttheorie summen. Alle heutigen KI-Maschinen – seien es Stützvektormaschinen auf Grundlage der linearen Algebra, seien es künstliche neuronale Netze mit vielen Zwischenebenen – arbeiteten jedoch letztlich Zeichenketten ab und kämen über „flache Formalismen“ nicht hinaus, auch wenn dank der Ausweitung von Speicher- und Prozessorleistungen Scheinerfolge möglich seien. Zu fix werde im Silicon Valley von „Lernen“ und „Intelligenz“ gesprochen: „Diese Leute san kaltblütig.“

          Dass Maschinen dem Menschen bei Berechnungen weit überlegen sind, ist für Wiener also kein Grund, ihnen Intelligenz zuzubilligen, allenfalls „Intelligenz-Ersatz“ oder „Alien-Intelligenz“: „Die heterarchisch geordnete Tiefe des menschlichen Verstandes ist auf diese Weise nicht zu realisieren.“ Dumm auf hohem Niveau, ließe sich das nennen. Einzig neurale Turing-Maschinen, der neueste Schrei auf dem KI-Markt, zeigten Ansätze eines rekursiven Vorgehens. Damit niemand auf die Idee kommt, Oswald Wiener nunmehr zum Fürsprecher des Menschen zu erklären – dafür ist er viel zu österreichisch –, schloss er seine Einlassungen mit der sarkastischen Bemerkung, unsere höhere Aufgabe bestehe wohl nur darin, Entropie zu erzeugen, Information zu vernichten. Das könnten neue Maschinen allerdings besser. Wir hätten dann samt Verstand ausgedient: „Bewusstsein war eben nur eine Phase in dieser Entwicklung.“ Zeit für den Notausgang.

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