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Ortstermin : Haben Scientologen Freunde in Berlin?

Einweihung der neuen Scientology-Zentrale in Berlin Bild: REUTERS

Ihre Anhänger sehen ganz normal aus, ihre Angestellten wie von einem Bestattungsunternehmen angestellt. Aber es ist etwas anderes, das beim Eröffnungsbesuch der neuen Scientology-Repräsentanz in Berlin-Charlottenburg Sorgen bereitet.

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          „Und Sie, was sagen Sie zu Scientology?“ Die Frage galt einer schwer arbeitenden Imbissbudenbesitzerin an der Otto-Suhr-Allee, Ecke Cauerstraße. Ihr Tresen war an diesem Samstag in Berlin-Charlottenburg ungewöhnlich dicht und stundenlang umlagert von hungrigen Scientologen aus aller Welt und jeden Alters. „Dazu machen wir keine Aussage“, sagte die Frau nur und schmiss die letzte Bulette auf einen Pappteller.

          Regina Mönch

          Freie Autorin im Feuilleton.

          Wie stellt man sich Scientologen vor? Dämonisch, ein bisschen abgedreht oder so hübsch wie Tom Cruise? Die scientologischen Pilger, die am Samstag für einige Stunden die Otto-Suhr-Allee verstopften, um irgendwann in ihre gewaltige Berlin-Zentrale eingelassen zu werden, sahen eigentlich weder so noch so aus. Man konnte sie sich stattdessen gut vorstellen als Rechtsanwälte, Manager, Ärzte, Frisöre oder Autohändler. Die Mitte der Gesellschaft, wie man das heute wohl nennt. Nur die Angestellten der Organisation machten in ihren seltsam modetrendfreien schwarzen oder anthrazitfarbenen Anzügen und Kostümen den Eindruck, als seien sie bei einem Bestattungsunternehmen angestellt.

          Frohes Fahnenschwenken

          Die Pilger aber waren etwas müde aus Autos und Reisebussen geklettert, die sie aus Oldenburg, Ulm oder Stuttgart oder Miskolc in Ungarn oder aus Zürich gebracht hatten. Sie schwenkten alsbald ihre Fahnen, italienische, griechische, spanische, schweizerische, ganz Europa schien vertreten, die Vereinigten Staaten natürlich und Südafrika. Und Israel. Die Israelis sah man alle halbe Stunde von einem Ende der Menschenmenge zum anderen marschieren; es hieß, sie seien immer wieder im Wege gestanden, und diesen Tadel ertrugen sie mit frohem Gleichmut.

          Man sah Fahnen der Freien Hansestadt Hamburg und solche aus München, Frankfurt und Stuttgart. Keine Berliner, keine ostdeutschen Städte, sondern vielmehr nur jene, in denen - im Gegensatz zu Berlin - der Verfassungsschutz die Aktivitäten der sinistren Organisation beobachtet. Das scheint das Selbstbewusstsein der Scientologen erheblich zu steigern. Und einige bekannten froh und stolz, wie sehr sie sich freuten, nun in der deutschen Hauptstadt auf immer diesen hervorragenden Service - ein großes Haus mit Kinos, Kapelle, Ausstellung, Bibliothek, Kursräumen und Reinigungssauna - vorzufinden.

          Bitte nicht in die „Reinigungssauna“

          „Gehen Sie weiter, gehen Sie in den sechsten Stock!“ Der kleine, breitschultrige Ordner meinte es ernst, sehr ernst. „Sechster Stock!“ Ich wollte aber nicht in den sechsten Stock, jetzt, wo ich endlich drin war nach einer Stunde in der Warteschlange. Oben, im sechsten, raunte ein Mann neben mir, sei die „Reinigungssauna“. Ich aber wollte zum Test nach rechts und dann ins Einschreibungsbüro, um die Verführung argloser Bürger endlich einmal live zu erleben. Also zeigte ich ihm den Presseausweis, den er kurz musterte, um mich sodann durch die Menge im Foyer der Scientology-Kirche hinaus ins Freie zu befördern.

          „Journalisten wissen doch schon vorher, was sie schreiben sollen“, riefen mir einige schadenfroh hinterher. Eine Schweizerin fand das wohl ungastlich, holte einen Pressesprecher herbei, und sodann war ich ununterbrochen umsorgt. Ich erfuhr, dass einer der Redner ein Bürgermeister aus der Umgebung von Tel Aviv sei, kein Scientologe, aber ein Freund der Organisation.

          „Wir haben eben überall viele Freunde“

          „Wir haben viele Freunde“, bekam ich immer wieder statt konkreter Antworten zu hören, und: „Sie wissen doch schon die Antwort.“ Auf den Gängen in allen Etagen herrschte babylonisches Durcheinander. Ich sah in kleine Kinostuben, wo im Halbdunkel Tom Cruise über einen großen Flachbildschirm schwebte und Ron, dem Gründer und Seligmacher, dankte. In einem anderen Lehrfilm lag ein hübscher junger Mann im Bett und las fasziniert in einem Buch über Dianetik.

          Er las und las und wurde dabei zusehends glücklich und ganz und gar ruhig. Immer wieder wurden Leute interviewt, die Kamera filmte ihre Statements vom großen Glück, hier sein zu dürfen. In einem Raum, an dessen Tür „Erfolge“ stand, lagen auf den Tischen leere Formulare, an den Wänden leere Rahmen. Es sah ein bisschen so aus wie die „Straße der Besten“ im volkseigenen DDR-Betrieb. Leere Zettel, auf denen „Erfolgsbericht“ stand, warteten auf Aktionisten. Irgendwo öffnete sich eine Kapelle, erstaunlich klein für dieses gewaltige Haus, das eine Kirche zu sein vorgibt, aber seine Anmutung als Bürohaus trotz aller Ron-Bilder und Scientology-Kreuze nicht verbirgt.

          Ich frage meine Begleiterin: „Wie haben Sie es geschafft, im argwöhnischen Berlin alle Genehmigungen zu bekommen?“ Hier verhindert das Baurecht sogar Moscheen, und jeder Gastwirt hat leidvolle Erfahrungen mit den tausend Vorschriften, die man allein schon verletzen kann, wenn die Kaffeehaustische zu weit auf den Bürgersteig ragen. Hier aber prangten eines Tages, wie über Nacht herbeigezaubert, an der Hausfassade diese monströsen Kreuze und die riesigen Lettern mit dem Namen der Organisation. „Wir haben eben überall viele Freunde“, sagte mein scientologischer Begleitschutz. Darüber sollten wir uns in Berlin vielleicht doch endlich Sorgen machen.

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