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Orthodoxer Protest : Gottes Kondome

  • -Aktualisiert am

Land unter: Die berühmte Mariä-Schutzmantel-Kirche am Fluss Nerl bei Hochwasser Bild: Picture-Alliance

Kondome schützen auch vor Krankheiten, und die Fabrik hat den Segen der Kirche: Dem Unternehmer, der seine Produktion im russischen Bogoljubowo gegen orthodoxe Eiferer verteidigen musste, half kein Argument.

          Eigentlich ist es eine gute Nachricht, dass in dem russischen Dorf Bogoljubowo unweit von Wladimir, hundertachtzig Kilometer östlich von Moskau gelegen, eine neue Fabrik für Hygieneartikel gebaut wird. Die lokale Firma Bergus errichtet auf dem stillgelegten Ziegelwerk von Bogoljubowo eine Produktionsstätte für Windeln, Heftpflaster und Präservative der Marke „Gladiator“, die zweihundert Arbeitsplätze schaffen wird. In dem von Sanktionen und Gegensanktionen geplagten Land kommt Bergus geradezu vorbildlich dem Aufruf der Regierung nach, Importwaren wo immer möglich durch vaterländische Erzeugnisse zu ersetzen. Doch Bogoljubowo - der Name heißt wörtlich übersetzt „Liebe zu Gott“ - ist auch ein Wallfahrtsort, hier gründete der von der orthodoxen Kirche heiliggesprochene Großfürst Andrej Bogoljubski im zwölften Jahrhundert das nach ihm benannte Kloster und errichtete die berühmte Mariä-Schutzmantel-Kirche am Flüsschen Nerl.

          Orthodoxe Aktivisten protestierten gegen den schon beschlossenen Neubau. Eine Gruppe überwiegend älterer Frauen zog, fromme Lieder singend, vor die Ortsverwaltung. Sie trugen Ikonen und Transparente mit der Aufschrift „Keine Kondom-Produktion auf der heiligen Stätte!“ und „Gottesmutter, schütze uns vor Entweihung!“ Der von zwei Damen in Pelzmänteln angeführte Zug der Erzürnten schaffte es sogar, vom überraschten Firmenchef Pawel Spitschakow empfangen zu werden. Es half dem armen Spitschakow nicht, dass er darauf hinwies, dass man Präservative in jeder Apotheke kaufen könne, und dass sie auch vor Krankheiten schützten.

          Eine Babuschka, die eine Bibel hochhält, bezeichnet Kondome als „männliche Abtreibung“. Eine andere warnt, auf den Präservativen werde der Herstellungsort Bogoljubowo und damit auch das Wort „Bog“ - Gott - aufgedruckt sein; das könne Gott unmöglich verzeihen. Der verzweifelte Unternehmer erklärt, er habe unter Einsatz von „Gladiator“ schon drei Kinder gezeugt und plane noch weitere. Im übrigen habe seine Fabrik den Segen der Kirche. Doch die Anführerin der Gruppe Tatjana Fadejewa, die, wie man bei Bergus erfährt, von der Firma schon erfolglos Sponsorengeld anzuwerben versuchte, lässt sich nicht beirren.

          Präservative führten nur dazu, dass kranke Kinder geboren würden, behauptet Fadejewa, die nach Moskauer Retro-Mode ihr Samtbarett schräg überm Ohr trägt. Einen Zusammenhang zwischen der schlechten russischen Medizin und Problemen der Volksgesundheit hingegen will sie nicht erkennen. Und die Unterstützung ihres Protests durch die Kirche, verkündet sie mit blitzenden Augen, sei nur eine Frage der Zeit.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

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