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Klöster als Corona-Hotspots : Ist Gott der Chefarzt?

Die Idylle trügt: Im Dreifaltigkeitskloster des Heiligen Sergius sind viele Mönche krank. Bild: Picture-Alliance

Orthodoxe Klöster sind verstärkt vom Coronavirus betroffen. Besonders hohe Infektionszahlen verzeichnen die altehrwürdigen Lawra-Gemeinschaften, deren Vorsteher die Seuchengefahr lange ignoriert haben.

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          In Russland, Belarus und der Ukraine weisen die Gemeinschaften orthodoxer Klöster besonders hohe Corona-Infektionszahlen auf. Stark betroffen sind zumal die altehrwürdigen Lawra-Klöster wie das des Heiligen Sergius bei Moskau, das Kiewer Höhlenkloster, aber auch das Kloster der Heiligen Elisabeth in Minsk, deren Vorsteher die Seuchengefahr zunächst leugneten und die Appelle zur Selbstisolation von Patriarch Kirill ignorierten.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Im Sergius-Kloster, wo die Mönchsversammlung einhellig beschlossen hatte, den Kommunionslöffel nicht zu desinfizieren, Kreuze, Ikonen und Priesterhände weiter küssen zu lassen, und wo der Ostergottesdienst mit vielen Gläubigen gefeiert wurde, sollen von hundertsiebzig Geistlichen hundertfünfzig krank sein, darunter die Bischöfe Pitirim und Paramon. Elf Geistliche wurden mit einer Lungenentzündung und erhöhter Temperatur ins Krankenhaus eingeliefert. Fünf betagte Mönche sind gestorben, drei von ihnen wurden positiv auf Sars-CoV-2 getestet. Kranke Klosterbrüder haben sich in ihren Zellen eingeschlossen. Auch an der Geistlichen Akademie beim Kloster sollen fast alle Dozenten krank sein, obwohl offiziell nur 52 Corona-Fälle gemeldet wurden. Kranke Studenten haben sich eingeschlossen, ihnen wird, wie auch den kranken Mönchen, Essen vor die Tür gestellt.

          Die Krankheit als „punktgenauer Treffer“

          Im Nonnenkloster von Diwejewo, einem Pilgerort unweit von Nischni Nowgorod, sollen mehr als die Hälfte der fünfhundert Klosterfrauen infiziert sein. Patientinnen mit schweren Verläufen kamen in nahe gelegene Kliniken, eine betagte Klosterfrau starb.

          Das Kloster der Heiligen Elisabeth in Minsk wird geistlich geleitet von dem Oberpriester Andrej Lemeschok, der, wie der belarussische Präsident Lukaschenka, von einer „Corona-Psychose“ nichts wissen will. Außerdem bezeichnete er Gott als den Chefarzt unserer Welt. Im Kloster, wo der Ostergottesdienst mit mehr als tausend Gläubigen gefeiert wurde, sollen von hundertdreißig Nonnen hundert krank sein. Eine betagte Ordensfrau starb. Der Priester Lemeschok nennt die Krankheitsfälle „punktgenaue Treffer“ Gottes für die Sünden der Klosterfrauen.

          Im Kiewer Höhlenkloster, das der Ukrainischen Orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats angehört, sollen fast alle der rund zweihundert Mönche erkrankt und zwei gestorben sein. Der Abt des Klosters, Metropolit Pawel, weigerte sich, eine Quarantäne über das Kloster zu verhängen, bis er sich selbst infizierte und stationär behandelt werden musste. Neunzig Prozent der Erdbevölkerung würden erkranken, prophezeit der Chorleiter des Klosters, Vater Sergej. So bestrafe Gott die Gesetzlosigkeit der Menschen.

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