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Online-Medien : Wer beißt schon die Hand, die einen füttert?

  • -Aktualisiert am

Stelldichein: Bei der Konferenz „Disrupt“ des Portals TechCrunch geht es ums Online-Geschäft von morgen. Und wie man darüber berichtet. Bild: dpa

Zahlreiche Online-Medien werden von Investoren finanziert, über die sie berichten. Das zeigt nicht zuletzt das Beispiel des Taxidienstes Uber. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

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          Der Fahrdienst Uber ist für seine rabiaten Geschäftspraktiken bekannt. Der Chef des Unternehmens, Travis Kalanick, geht nicht gerade zimperlich mit seinen Gegnern um. Sein berühmtestes Zitat lautet: Uber kämpfe gegen „ein Arschloch namens Taxi“. Der Uber-Manager Emil Michael sorgte gerade mit der Überlegung für Furore, das Privatleben von Journalisten auszuforschen, um sie unter Druck zu setzen. Konkret ging es um die Chefredakteurin von „PandoDaily“, Sarah Lacy, die kritisch über Uber berichtet hatte. Die Äußerungen lösten einen Sturm der Empörung aus.

          Der Fall wirft ein Schlaglicht auf die Beziehungen zwischen Journalisten und Entrepreneuren. Der Aufstieg des Silicon Valley hat zu einem Boom von Blogs geführt. Die Technologie-Blogs bedienen zwar eine Nische, sind aber große Spieler. Das Portal „The Verge“ zum Beispiel, das rund vierzig Redakteure beschäftigt, verzeichnet in Amerika 7,9 Millionen Unique Visitors, also Einzelbesucher.

          Die Schaubühne für Investoren

          Die meisten Online-Medien im Silicon Valley werden von Wagniskapitalgebern unterstützt. Die Seite TechCrunch gehört dem Internetkonzern AOL. Das Portal Re/Code, das aus AllThingsD hervorging, wird vom ehemaligen Yahoo-Chef Terry Semel mitfinanziert. Und PandoDaily wird von dem Investor Andreessen Horowitz unterstützt, der wiederum Anteile am Uber-Konkurrenten Lyft besitzt. Darin sehen viele einen Interessenkonflikt. Robert Drechsel, Journalismusprofessor und Direktor des Center for Journalism Ethics an der University of Wisconsin-Madison, sagte der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: „Ich denke, es gibt immer ein Potential für Interessenkonflikte bei dieser Art von Finanzbeziehungen. Der Besitz von Medien durch korporative oder finanzielle Organisationen, die ein Interesse haben, die Inhalte für ihre Zwecke zu kontrollieren, ist seit geraumer Zeit geläufig.“

          Was die Sache noch komplizierter macht: Die meisten Technik-Blogs verdienen ihr Geld mit Live-Events oder Konferenzen, die von großen Firmen finanziert werden. Auf der alljährlichen Konferenz „TechCrunch Disrupt“ stellen Jungunternehmen ihre Hardware- und Softwareprodukte vor. Es ist eine Schaubühne für Investoren - Berichterstattung garantiert. Manche Artikel von TechCrunch wirken wie Pressemeldungen von AOL. Die Mediendienste neigen dazu, Start-ups zu promoten. So hob die vom Telekommunikationskonzern Verizon finanzierte Seite TheString eine Anonymisierungsbox fürs Internet hervor - wenig später scheiterte das Kickstarter-Projekt wegen Betrugsvorwürfen. Es war letztlich doch keine Werbung in eigener Sache. Die Medienexpertin Caroline O’Donovan vom Nieman Journalism Lab sagt auf Anfrage: „Ich bezweifle, ob Tech-Journalisten über Start-ups schreiben mit der ausdrücklichen Absicht, den Unternehmen zu helfen, mehr Geld zu verdienen. Es besteht aber kein Zweifel daran, dass positive oder neutrale Berichterstattung über diese Unternehmen, die in einem überfüllten Marktsegment operieren, den Erfolg ihres Geschäfts beeinflussen kann.“

          Silicon Valley ist auch nicht anders als Hollywood

          Das Silicon Valley ist ein Mikrokosmos. Man kennt und schätzt sich, viele Journalisten haben früher selbst bei Start-ups gearbeitet. Seitenwechsel sind keine Seltenheit. Nach der Übernahme von TechCrunch durch AOL legte dessen Gründer Michael Arrington einen Kapitalfonds auf, der auch von AOL finanziert wurde. Aus einem Blogger wurde ein Investor. Die einflussreiche Bloggerin Kara Swisher warf ihm vor, hoffnungslos korrupt zu sein.

          Die PandoDaily-Chefin Sarah Lacy sagte der „New York Times“, dass ihr Metier sich von dem etwa der Hauptstadtreporter in Washington nicht unterscheide: „Für Journalisten ist es immer ein schmaler Grat, ein Insider zu sein oder wirklich gute Informationen zu bekommen und nah an der Quelle zu sein.“ In dieser Hinsicht ist das Silicon Valley nicht anders als Hollywood oder Washington. Doch im Gegensatz zum Politbetrieb sind die Protagonisten zugänglicher und haben auch keinen Standesdünkel. Die Investoren, welche die Technikmedien finanzieren, kommen aus derselben Branche, über die sie berichten sollen. Die „New York Times“ spricht von einem „inzestuösen Verhältnis“.

          So stelle sich bei den scharf formulierten Berichten von PandoDaily über das aggressive Verhalten von Uber auch die Frage, ob sie nur journalistisch motiviert seien oder einer Kampagne dienten - in diesem Fall im Sinne des Uber-Konkurrenten Lyft. Die Ironie an der Geschichte ist, dass der Online-Dienst Buzzfeed, auf dem die Enthüllungsstory gespielt wurde, erst im August eine Kapitalspritze von fünfzig Millionen Dollar von dem Lyft-Investor Horrowitz erhalten hatte. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

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