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Oppositioneller Nawalnyj : Keine Angst vor den Zirkustricks des Systems Putin

Korruptionsjäger Aleksej Nawalnyj demonstriert in Moskau gegen seinen Ausschluss von der Präsidentenwahl. Bild: dpa

Eins zu null für Aleksej Nawalnyj: Die Website des Oppositionellen und Korruptionsjägers wurde von der russischen Medienaufsicht geblockt. Aber er hat schon eine neue eröffnet.

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          Die am Donnerstag von der russischen Medienaufsichtsbehörde Roskomnadsor blockierte Internetseite des Oppositionellen und Korruptionsjägers Aleksej Nawalnyj war nach wenigen Stunden wieder weitgehend zugänglich. Ein Mitstreiter von Nawalnyj, Leonid Wolkow, meldete über Twitter, die Sperre von Roskomnadsor sei leicht zu durchbrechen gewesen. Kunden der russischen Telekommunikationsfirmen MTS, MGTS, Rostelekom und TTK können das Portal wieder öffnen, unzugänglich bleibt es zurzeit noch bei den Anbietern Tele2, MegaFon und Yota. Nawalnyj, der aufgrund einer fragwürdigen Verurteilung zu den Präsidentschaftswahlen am 18. März nicht zugelassen wurde, ruft seine Anhänger auf, diese zu boykottieren und stattdessen als Wahlbeobachter Missbräuche zu dokumentieren. Nawalnyj warf Roskomnadsor Zensur vor.

          Kerstin Holm
          Redakteurin im Feuilleton.

          Die Sperre erfolgte, nachdem der Oppositionelle sich geweigert hatte, seinen Videobeitrag über ein vertrauliches Stelldichein des Oligarchen Oleg Deripaska mit dem Vizepremier Sergej Prichodko im August 2016 zu löschen, bei dem, wie eine aufgezeichnete Replik Deripaskas anzudeuten scheint, auch die schlechten Beziehungen Russlands zu den Vereinigten Staaten erörtert wurden. Amerikanische Medien verdächtigen den Aluminiummagnaten Deripaska, ein Mittelsmann zwischen dem Kreml und dem Stab von Donald Trump gewesen zu sein. Deripaska hatte in eine Firma von Trumps früherem Wahlkampfmanager Paul Manafort investiert, bevor die beiden Männer ihre Partnerschaft beendeten.

          Eine grazile Eskortdame brachte ihn auf die richtige Spur

          Nawalnyj veröffentlicht immer wieder hochprofessionell gemachte, genau dokumentierte und obendrein äußerst witzige Berichte über die Korruption der engsten Vertrauten von Präsident Wladimir Putin. Auf die Spur des Treffens von Deripaska und Prichodko brachte ihn eine grazile Eskortdame der beiden, die junge Weißrussin Anastassia Waschukewitsch, mit Künstlernamen Nastja Rybka, die auf Instagram offenherzige Fotos postet. Rybka (zu Deutsch: „Fischchen“) veröffentlichte ihr ebenfalls recht explizites „Tagebuch der Verführung eines Milliardärs“, in dem Deripaska und Prichodko unter veränderten Namen auftreten. Die Umstände ihres Treffens – ein Angelausflug auf Deripaskas Yacht vor der norwegischen Küste – und die genauen Daten sind jedoch genau festgehalten.

          Selbstbewusste Verführerin und Tagebuchschreiberin: Nastja Rybka mit dem Oligarchen Oleg Deripaska auf dessen Yacht.
          Selbstbewusste Verführerin und Tagebuchschreiberin: Nastja Rybka mit dem Oligarchen Oleg Deripaska auf dessen Yacht. : Bild: Instagram/nastya_rybka.ru/Screenshot F.A.Z.

          Prichodko gilt als wichtiger Regierungsfunktionär. Nastja Rybka bezeichnet in ihrem Buch die ihm ähnelnde Figur als „grauen Kardinal“, dem ihr mächtiger Milliardär alles recht machen will und dem er nie widerspricht. Und noch bevor die Yacht wieder in ihrem Heimathafen festmachte, sei der „graue Kardinal“ verschwunden, als ob er nicht mit ihr und dem Milliardär gesehen werden wollte. Nawalnyj zufolge ließ Deripaska Prichodko in seinem Privatjet aus Moskau nach Norwegen ein- und wieder zurückfliegen. In seinem 25 Minuten langen Videofilm zeigt Nawalnyj Aufnahmen von Prichodkos 1500 Quadratmeter großer Villa auf einem Riesengrundstück in der Nähe von Moskau. Außerdem blendet er ein Moskauer Luxuswohnhaus ein, in dem Prichodko ein Apartment besitzen soll. Prichodko, der nie in der Wirtschaft tätig war, hätte sich nie solche Immobilien leisten können, versichert Nawalnyj. Die einzige Quelle für solche Besitztümer könne Korruption sein. Nawalnyj schließt das Video mit der Aufforderung an Putin, Prichodko zu entlassen. Zugleich sagt er alle möglichen „Zirkustricks“ voraus, mit denen das System versuchen werde, seine Korruptionäre zu schützen. Der Videobeitrag wurde mehr als fünf Millionen Mal angeschaut.

          Deripaska hatte Medien, die „falsche Anschuldigungen“ über ihn verbreiteten, mit gerichtlicher Verfolgung gedroht, ohne freilich zu sagen, worin diese Anschuldigungen bestünden. Er erreichte, dass ein Gericht in der sibirischen Stadt Ust-Labinsk, wo er gemeldet ist, nicht nur das Video, sondern Nawalnyjs gesamten Blog verbot. Die russische Medienaufsicht verlangte auch von Youtube und Instagram, Nawalnyjs Videobericht und Fotos daraus zu löschen. Instagram ist der Forderung nachgekommen, was Nawalnyj mit den Worten „Schande über Instagram!“ kommentierte. Auf Youtube bleibt der Bericht zugänglich. Roskomnadsor drängt dessen Mutterkonzern Google, die Beiträge zu löschen. Andernfalls droht die Behörde, Youtube für ganz Russland zu sperren. Nawalnyj eröffnete unterdessen eine neue Blogadresse: rybka.fuckrkn.org. Der sprechende Titel besteht aus dem Namen der Heldin seiner Recherche und einem Fluch über RKN, abgekürzt für Roskomnadsor.

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